Berlin - Im Verlaufe des Sonntags stellte sich heraus, dass bei dem Amoklauf eines Berliner Schülers mehr Menschen verletzt worden sind als ursprünglich gedacht. Bis Sonntagnachmittag stieg die Zahl auf 36, wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Michael Grunwald, berichtete. Mehrere Leichtverletzte hätten sich nach einer Aids-Warnung der Polizei noch nachträglich gemeldet.
"Die Menschen, die nach dem Amoklauf zu uns gebracht wurden, waren sehr aufgeregt", sagte Charité-Oberarzt Dirk Schürmann der Nachrichtenagentur Reuters. Als sie später von dem Risiko einer HIV-Infektion erfahren hätten, seien viele maßlos schockiert gewesen, so der Arzt weiter.
Nachdem bekannt wurde, dass eines der ersten Opfer HIV-infiziert und eine Ansteckung durch die blutige Tatwaffe nicht völlig ausgeschlossen ist, waren alle Verletzten und Erste-Hilfe-Leistenden aufgerufen worden, sich zu melden. Zu den Universitätskliniken kamen bislang 56 Betroffene, wie Charité-Sprecherin Kerstin Endele berichtete. 28 von ihnen erhielten vorsorglich Medikamente zur Verringerung des Infektionsrisikos. Bei den anderen habe sich das in Beratungsgesprächen als unnötig erwiesen.
Die Ansteckungsgefahr ist Experten zufolge nicht groß. Tests des Infizierten hätten zudem ergeben, dass die Konzentration des HI-Virus bei ihm nur gering sei, berichtete Endele weiter. Dies verkleinere das Risiko weiter. Die Betroffenen seien dennoch verunsichert und nervös. Sie würden aber psychologisch betreut, und die Ärzte seien bemüht, durch Beratung und Aufklärung die Ängste abzubauen. Endgültige Gewissheit, ob eine HIV-Infektion vorliegt oder nicht, gebe es erst mehrere Monate nach Beendigung der Prophylaxe.
Wie der Charité-Oberarzt Dirk Schürmann erklärte, sei ein HIV-Test kurz nach dem Amoklauf des Messerstechers am Freitagabend nicht möglich gewesen. "So schnell können Antikörper gegen den Aidserreger, den eines der ersten Opfer in sich trägt, nicht nachgewiesen werden." Deshalb würden sämtliche Personen mit Stichwunden, die nach dem infizierten Opfer vom Messerstecher verletzt worden seien, mit Aids-Prophylaxe behandelt, ebenso die Hilfskräfte, die beim Rettungseinsatz mit viel Blut in Berührung gekommen seien. Das Risiko einer Infektion sei aber gering. "Durch Stichwunden wird das HI-Virus in drei von 1000 Fällen übertragen. Die Prophylaxe senkt das Risiko abermals um 80 Prozent", sagte der Arzt. Die betroffenen Patienten müssten über die nächsten vier Wochen zur Vorbeugung vor der Immunschwächekrankheit Aids die für die Behandlung von HIV-Patienten üblichen Medikamente einnehmen, erklärte Schürmann, der an der Charite in der Abteilung für Infektiologie arbeitet.
Dabei müssten sie ein Mal pro Woche zur Kontrolle in die Klinik kommen. Dort werde dann festgestellt, wie die Patienten die Prophylaxe vertrügen und ob gegebenenfalls die Medikamenten-Kombination umgestellt werden müsse. Über Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Durchfall, Übelkeit und Blutarmut seien die Betroffenen aufgeklärt worden. "Nach vier Wochen beenden wir die Prophylaxe und untersuchen die Patienten erneut gründlich." Dann werde über weitere Behandlungsmöglichkeiten entschieden, so Schürmann.
sev/Reuters/dpa/ddp
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