Er galt lange als finsterer Keulenschwinger, seine geistigen Fähigkeiten wurden unterschätzt. Doch der Neandertaler, benannt nach dem Fundort, einem Tal im heutigen Nordrhein-Westfalen, war dem modernen Menschen durchaus ebenbürtig.
150 Jahre nach der erstmaligen Entdeckung von Neandertalerknochen durch Steinbrucharbeiter nahe der Stadt Mettmann haben Wissenschaftler jetzt zwei neue Gesichtsrekonstruktionen erstellt. Der eine Kopf ist Teil der Schau "Roots 2006" im Rheinischen Landesmuseum Bonn (8. Juli bis 19. November) - die andere Rekonstruktion kann im Neanderthal-Museum Mettmann besichtigt werden.
Bei der Wiederherstellung des Neandertal-Antlitzes gingen die beiden Museen verschiedene Wege. Die Bonner vertrauten modernster Computertechnik. Aus den in Museumsvitrinen bewahrten Schädelresten schuf ein deutsch-schweizerisches Expertenteam eine Büste, die mit dunkelbraunen Augen, mittellangem Naturhaar und schütterem Bart aus dem mutmaßlichen Vetter des heutigen Menschen einen durchaus sympathischen und entspannt blickenden Zeitgenossen mittleren Alters macht.
Das Neanderthal-Museum setzte ganz auf die solide Handarbeit niederländischer Experten. "Die haben noch Gorillas seziert und Schädel aufgeschnitten, die stehen noch ganz in der Tradition Leonardos", sagte Museumschef Gerd Christian Weniger. Das Museum zeigt einen knapp 1,70 Meter großen, schelmisch lächelnden Jäger, der sich lässig auf seinen Speer stützt. Knollennase und langer Spitzbart wirken bei dem älteren Herrn in Lederbeinkleid ein wenig wie eine Karikatur.
Beide Museen mussten den Schädel aus Fragmenten von verschiedenen Fundorten zusammensetzen - der Fund von 1856 bestand nur aus einem Schädeldach. Die Experten in Mettmann ergänzten einen Neandertaler-Kopf aus Mittelitalien, die in Bonn einen Schädel aus Frankreich mit den Resten des vor rund 42.000 Jahren gestorbenen rheinischen Artgenossen.
In der Gesichtsbehaarung unterscheiden sich die beiden Rekonstruktionen deutlich, wie das erste Bild der Fotostrecke (siehe oben) zeigt. Ein Streit um des Neandertalers Bart sei dennoch nicht entbrannt: "Wir sehen das eher sportlich", sagte Weniger. Und auch sein Kollege, der Bonner Vorgeschichtler Michael Schmauder, meinte, die zwar wissenschaftlich exakten, aber doch so unterschiedlichen Neandertaler-Versionen "beleben die Diskussion um das Aussehen dieses Urmenschen". Alles, was den Gesichtsausdruck angehe, sei ohnehin künstlerische Freiheit.
Der Neandertaler ist ein vor rund 30.000 Jahren ausgestorbener Verwandter des modernen Menschen. In Mitteleuropa lebten Neandertaler und moderner Mensch vermutlich sogar nebeneinander. Der Neandertaler starb jedoch aus - offenbar, weil er mit der zunehmenden Kälte schlechter zurechtkam als Homo sapiens.
hda/dpa
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