Aus einschlägigen Reality-TV-Sendungen sind die Bilder auch dem deutschen Fernsehkonsumenten bekannt: Flüchtende Menschen, die sich als helle Figuren vom Dunkel der Nacht abheben und wie um ihr Leben rennen - natürlich vergebens, weil sie sich im Visier einer Infrarot-Kamera an Bord eines Polizeihubschraubers befinden. Kurz darauf klicken dann immer die Handschellen.
Solche Aktionen sind zwar spektakulär, aber vergleichsweise selten: Hubschrauber sind auch bei der US-Polizei bei weitem öfter gefragt als vorhanden, weshalb sich die Überwachung und Verbrechensbekämpfung aus der Luft bisher in überschaubaren Grenzen bewegt. Das aber könnte sich bald ändern: Die Polizei von Los Angeles hat jetzt eine Drohne getestet, die ungeahnte Möglichkeiten eröffnen könnte - hoffen die Ermittler. Kritiker befürchten dagegen, dass die Mini-Flieger die staatliche Überwachung allgegenwärtig machen.
Die technischen Details des "SkySeers", so der Name des unbemannten Fliegers, scheinen kaum dazu geeignet, die Bedenken zu zerstreuen. Das 2,3 Kilogramm leichte Fluggerät wird von einem Elektromotor angetrieben und fliegt mit relativ bescheidenen 50 Kilometern pro Stunde. Besonders in der Nacht wird es deshalb für Menschen am Boden praktisch nicht wahrnehmbar sein. Eine in alle Richtungen schwenkbare Kamera soll mit Hilfe von Infrarot-Technik und Restlichtverstärkung auch nachts sehen können.
Im Los Angeles County Sheriff's Department, das die Drohne demnächst einsetzen will, äußerte man sich begeistert über die Fähigkeit der Drohne, im Geheimen zu operieren. "Das Flugzeug ist praktisch geräuschlos und unsichtbar", schwärmte Sid Heal, beim Sheriff's Department für die Tests verantwortlich. "Es wird uns eine vertikale Perspektive geben, die wir bisher nicht hatten."
Enormer Kostenvorteil gegenüber Hubschraubern
Bestechend für die Polizisten dürften auch die praktischen Eigenschaften des "SkySeer" sein: Zusammengefaltet soll er bequem in den Kofferraum eines Streifenwagens passen und sich innerhalb weniger Minuten zusammenbauen lassen. Dank eines Rumpfs aus Kevlar und Flügeln aus Aluminium und Nylon, die eine Spannweite von rund zwei Metern erreichen, ist die Drohne federleicht. Ein Beamter lenkt den Flieger mit einer kleinen Fernsteuerung und empfängt zugleich die Bilder von der Drohnen-Kamera. Die bordeigene Batterie erlaubt nach Angaben des Herstellers Octatron Industries eine Flugzeit von 70 Minuten.
Das wichtigste Argument für die Drohne dürften jedoch die Kosten sein. Schon die Anschaffung ist ein Schnäppchen: Während jeder der 18 Hubschrauber in den Diensten des Los Angeles County Sheriff's Department zwischen drei und fünf Millionen Dollar gekostet hat, soll der "SkySeer" schon für 25.000 bis 30.000 Dollar zu haben sein. Noch krasser dürften die Unterschiede bei den Kosten für Treibstoff, Wartung und Personal ausfallen.
Schon plant das Sheriff's Department die Anschaffung einer ganzen Flotte von Drohnen. Sollten die Tests positiv verlaufen, könnten demnächst bis zu 20 der Mini-Flieger über Los Angeles und Umgebung patrouillieren. "Wir glauben, dass diese Technik großes Potential hat", sagte Heal.
Angst vor dem Überwachungsstaat
Das haben auch schon andere US-Behörden erkannt. Das US-Heimatschutzministerium hat bereits Drohnen eingesetzt, um Küsten und Landesgrenzen zu überwachen. Präsident George W. Bush höchstselbst hat den Senat und das Repräsentantenhaus bereits gedrängt, mehr Geld zur unbemannten Luftüberwachung bereitzustellen, um illegale Einwanderer im US-mexikanischen Grenzgebiet aufzuspüren.
Deutsche Behörden planen derzeit offenbar noch keinen Drohnen-Einsatz: Es gebe weder Pläne für die Einführung einer solchen Technik noch einen generellen Beschluss dagegen, sagte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.
Während die Polizisten von Los Angeles als Drohnen-Einsatzmöglichkeiten etwa die Suche nach Vermissten und den Schutz vor Einbrechern nennen, beschleichen Kritiker ganz andere Visionen. Sie sehen den Orwellschen Überwachungsstaat einen Schritt näher gerückt, verwirklicht durch Technik, die an den Actionfilm "Das fliegende Auge" erinnert - nur dass in diesem Fall nicht ein lautloser Helikopter, sondern ein ganzer Schwarm von Mini-Fliegern auf das Volk losgelassen wird.
"Einen Helikopter kann man hören und sehen und sich entsprechend verhalten", sagte Beth Givens vom Private Rights Clearinghouse. Der "SkySeer" biete diese Chance nicht. "Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, in der die Polizei die Grillparty in unserem Hinterhof beobachtet?"
"Heutzutage wird man ohnehin überwacht"
Bedenken äußerte auch Charles Whitebread, Jurist an der University of Southern California. "Wenn ein Flugzeug Beweise sammelt, für die die Polizei ansonsten einen Durchsuchungsbefehl benötigen würde, könnte das gegen Persönlichkeitsrechte verstoßen." Ein Beispiel gibt es bereits. 2001 erklärte der Oberste Gerichtshof in den USA eine Durchsuchung für illegal, die zustande gekommen war, weil Ermittler mit Hilfe von Wärmebildern eine Marihuana-Plantage im Innern einer Privatwohnung entdeckt hatten.
Die Polizei von Los Angeles wischt Bedenken nonchalant beiseite: Schließlich werde man inzwischen ohnehin auf Schritt und Tritt überwacht. "Sie sollten sich keine Sorgen darüber machen, von ihrer Regierung ausspioniert zu werden", sagte Sid Heal. "Heutzutage können sie nirgendwo mehr hingehen, ohne dass eine Kamera darüber wacht, ob sie sich in einem Geschäft aufhalten oder eine Straße entlang spazieren."
mbe/AP/AFP
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