Zu der Epidemie-Warnung für Europa kommen die Forscher auf Umwegen, und ihr Untersuchungsgegenstand klingt makaber: Ein Ritual, in dem der Kannibalismus früherer Zeiten fortlebt, kostet in Südostasien noch immer Menschen das Leben - obwohl er seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr praktiziert werden darf.

CJK-Untersuchung: Die menschliche Variante des Rinderwahns wird von Prionen verursacht - ebenso wie die Kuru-Krankheit
Bei einer Untersuchung der Krankheit fand der Wissenschaftler sogar elf Kuru-Fälle, die zwischen Juli 1996 und Juni 2004 aufgetreten waren - allesamt bei Menschen, die noch vor Ende der Kannibalismus-Riten geboren wurden. "Die Mindest-Inkubationszeit reicht von 34 bis 41 Jahren", folgern Collinge und seine Kollegen daher. Eine maximale Zeitspanne von Ansteckung bis Ausbruch der Krankheit von 56 Jahren oder mehr sei wahrscheinlich.
Parallelen zur menschlichen Variante von Rinderwahn
Der Aufsatz, den die britischen Forscher in der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichten, hat nicht bloß für Menschen Relevanz, die in ihrer Jugend Kannibalismus betrieben haben. Denn Kuru wird durch krankhaft veränderte Prionen verursacht - ebenso wie die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (nvCJK). Diese wird durch den Verzehr von BSE-verseuchtem Rindfleisch ausgelöst.
Damit blieben auch die Ausmaße von Creutzfeldt-Jakob "ungewiss" und würden wahrscheinlich noch unterschätzt. Der Glaube, dass die Zahl neuer Fälle "einen Höhepunkt überschritten hat und wir das Schlimmste bei dieser erschreckenden Krankheit hinter uns haben, muss nun mit äußerster Skepsis betrachtet werden", schreiben die Forscher. Sie warnen vor einer ungewiss hohen Zahl von nvCJK-Toten in den kommenden Jahrzehnten. Eine regelrechte Epidemie sei denkbar.
In Großbritannien sind bisher 161 Fälle der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit aufgetreten, bei der das Gehirn nach und nach wie ein Schwamm durchlöchert wird. Nur fünf der Erkrankten waren Anfang Juni noch am Leben. Weltweit beträgt die Zahl der nvCJK-Opfer 187.
stx/AFP
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH