Sonntag, 22. November 2009

Wissenschaft



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19.07.2006
 

Computermodell

Angelsächsische Apartheid in England

Im England des frühen Mittelalters gab es offenbar eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Britische Wissenschaftler suchten nach einer Erklärung für die germanische Dominanz im englischen Genpool. Die historischen Belege passen zu ihrer Apartheids-These.

London - Jeder zweite englische Mann stammt von den Angelsachsen ab. Die genetischen Spuren dieser Einwanderer aus Norddeutschland, Dänemark und den Niederlanden fanden Forscher auf dem Y-Chromosom - und wunderten sich darüber. Denn die Neu-Briten waren der keltisch-stämmigen Bevölkerung Englands zahlenmäßig weit unterlegen, als sie zwischen dem fünften und siebten Jahrhundert auf die Insel übersetzten. Wie konnte sich das Erbgut der germanisch-stämmigen Einwanderer so weit ausbreiten?

Englische Männer (während der Fußball-WM): Kampf zwischen Angelsachsen und Kelten lässt sich am Y-Chromosom ablesen
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AFP

Englische Männer (während der Fußball-WM): Kampf zwischen Angelsachsen und Kelten lässt sich am Y-Chromosom ablesen

Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft herrschte im England des ausgehenden ersten Jahrtausends nach Christus: Das halten britische Forscher für die plausibelste Erklärung. Die Angeln und Sachsen hätten als privilegierte Klasse deutlich mehr Nachkommen hervorbringen können als die ursprünglich ansässigen Kelten, sagen Wissenschaftler des University College London.

Der Evolutionsbiologe Mark Thomas und seine Kollegen untermauern diese These mit einer Computersimulation der Bevölkerungentwicklung über die Jahrhunderte.

Als Basis nahmen die Wissenschaftler die Zahl der Einwanderer, geschätzte 10.000 bis 200.000, und die Anzahl der damals einheimischen Briten von rund zwei Millionen. Im Computer spielten sie durch, wie sich das Verhältnis dieser Zahlen abhängig von herrschenden Gesellschaftsmodellen verändert haben könnte. Bei diesen Simulationen versuchten sie, ein Endergebnis zu erzielen, das dem heutigen Genpool nahe kommt, wie sie im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B" schreiben.

Am ehesten, so ihr Ergebnis, lässt sich die Ausbreitung des Angelsachsen-Chromosoms mit einer Zwei-Klassen-Gesellschaft erklären. Die privilegierten Angelsachsen konnten mehr Kinder ernähren und großziehen und sich daher auch stärker vermehren als die überwiegend arme Unterschicht.

"Kulturelle und genetische Germanisierung"

Deren Geschichte begann bereits mit dem Abzug der Römer aus England zu Beginn des fünften Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Die zurückbleibenden britischen Volksgruppen wurden von den im heutigen Schottland lebenden Pikten bedroht und suchten daher um Unterstützung bei den Angeln und Sachsen nach, die damals das heutige Schleswig-Holstein besiedelten. In den folgenden drei Jahrhunderten kamen bis zu 200.000 Siedler aus diesen Volksstämmen auf die britische Insel.

"Wir glauben, dass sie die ursprünglich britischen Gene von der angelsächsischen Bevölkerung ferngehalten haben, indem sie Mischehen begrenzt haben", sagte Thomas der "BBC". Er spricht von einem "System der Apartheid, welches das Land kulturell und genetisch germanisiert hat".

Die Einwanderer etablierten sich schnell als herrschende Klasse, sie waren den Einheimischen militärisch, ökonomisch und politisch überlegen, vermuten Archäologen und Historiker bereits seit etwa 20 Jahren.

Hinweise für eine solche Zwei-Klassen-Gesellschaft, die wohl einige hundert Jahre anhielt, finden sich auch in schriftlichen Quellen. Ein Beispiel dafür ist ein Gesetz aus dem siebten Jahrhundert. Es verlangt nach einem Mord oder Totschlag an jemandem von der Familie des Täters einen bis zu fünfmal höheren Blutzoll, wenn es sich bei dem Opfer um einen Angelsachsen handelt.

fba/ddp/dpa

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