Auch am Tag hängt eine beklemmende Stimmung in der Wohnung, jeder senkt automatisch die Stimme. Jeder weiß, es gibt da noch jemanden, der vielleicht zuhört. "Ich möchte sie so gerne mal in den Arm nehmen", sagt die Mutter, "aber sie lässt mich gar nicht an sich ran." Soziophobiker haben häufig eine sehr enge Beziehung zur Mutter, Psychologen bezeichnen sie als "verstrickt".
"Eine Familie muss sich ihren Hikikomori leisten können", sagt der Psychiater Furukawa. "Wenn Eltern sich weigerten, sie zu versorgen, würden sie sich vielleicht sozialisieren." Die Psychologin Schramm gibt zu bedenken: "Bei der Methode ›Friss oder stirb!‹ kann man auch sterben. Die Betroffenen benötigen professionelle Hilfe."
Marie hat die Gardinen in ihrem alten Kinderzimmer abgerissen und schwere Decken vor die Fenster gehängt. Sie lebt in völliger Dunkelheit. Bloß der Fernseher läuft die ganze Zeit. Der Bruder hat kürzlich einen Blick auf sie erhascht, "ich habe nur ihren weiß gewordenen Pony gesehen, und sofort hat sie sich weggedreht".
Elisabeth Schramm vergleicht die Abwesenheit jeglicher Stimuli mit Folter. Dem versuche Marie irgendwie entgegenzusteuern - durch das Fernsehen werde sie optisch und akustisch stimuliert, vielleicht sogar emotional. "Fürs Überleben ist das sinnvoll. Und es geht da nur noch ums nackte Überleben, nicht mehr um Lebensqualität", sagt Schramm.
Vielleicht wäre Marie in früheren Zeiten als Eremitin bezeichnet worden, als weise Einsiedlerin. Aber Schramm hält es für unwahrscheinlich, dass Marie glücklich ist. "Sich selbst vom Leben abzuschneiden ist nicht gesund." Menschen mit derart schweren sozialen Phobien haben den Kontakt zur sozialen Realität verloren, aber nicht den zur Realität. Sie wissen sehr wohl, dass es noch ein Leben außerhalb ihrer vier Wände gibt.
Um an Maries Leben teilzunehmen, haben sich die Eltern Tricks ausgedacht. Den Frosch auf der Badewanne etwa. "Wir denken oft, sie wäscht sich nicht", sagt der Vater, "aber manchmal tut sie es doch, dann steht der Frosch eben unten." In den 22 Jahren von Maries Eremitendasein gab es zwei oder drei "Lichtblicke", erzählen sie. Marie kam für Stunden heraus, setzte sich zu den Eltern, wollte wissen, wer in der Familie geboren und wer gestorben sei. Drei Wochen dauerten diese Phasen - dann war alles wieder beim Alten.
Die größte Herausforderung für die Familie war der Umzug im vergangenen Jahr. Schon Monate vorher hatten die Eltern Marie erklärt, ihr altes Haus würde abgerissen, und sie würden an den Stadtrand ziehen. Aber Marie weigerte sich, ihre Habseligkeiten in Kisten zu verstauen. Bis buchstäblich die Wände um sie herum eingerissen wurden und schließlich ihre Schwester die Tür öffnete. "Da hat sie plötzlich geredet wie ein Wasserfall", erzählt der Bruder, noch immer erstaunt. Die Schwester fuhr mit ihr in ein Café, wo sie miteinander plauderten, als ob alles ganz normal wäre.
Für die Dauer des Umzugs wohnte Marie im Schrebergarten der Familie, wo sie sich nach wenigen Tagen auch wieder zurückzog und die Fenster verhängte. Erst als die Temperaturen auf den Gefrierpunkt sanken, ließ sie sich überzeugen, mit in die neue Wohnung der Eltern zu kommen, wo sie seitdem lebt.
Als ich Marie kennen lernen möchte, habe ich keine Chance: An ihre Tür klopfen darf ich nicht, Kontakt aufnehmen soll ich nicht. Ich schreibe Marie einen Brief. Normalerweise legen ihr die Eltern die Post auf die Kommode im Flur. Ob sie meine erreichen wird, weiß ich nicht. Während ich auf Antwort warte, besuche ich ähnliche Fälle, die mir das Leben meiner Cousine näher bringen könnten.
Es gibt Familien, die offener mit dem Rückzug ihres Kindes umgehen. Wie Familie Schmidt. Thomas ist der Erste in der Familie, der es aufs Gymnasium geschafft hat - bis zur zehnten Klasse. Dann standen Prüfungen an, der Junge, 17 Jahre alt, erwachte immer häufiger mit Bauchschmerzen und sagte Morgen für Morgen: "Ich kann nicht in die Schule."
Die Großeltern waren gerade gestorben, und Thomas hatte Angst, auch seiner Mutter könnte etwas zustoßen. Er wollte am liebsten immer bei ihr bleiben. Einmal, er war 16 und hörte Tag und Nacht die Beatles, schenkte ihm sein Vater zu Weihnachten eine Reise nach Liverpool. Nur sie beide, Vater und Sohn. Auf dem Weg zum Flughafen musste der Vater anhalten. "Ich kann nicht", sagte Thomas leise. Die Eltern tauschten ihre Söhne, die Mutter fuhr mit Thomas nach Hause und der Vater mit dem kleinen Bruder nach Liverpool.
Jetzt ist Thomas 25 und lebt seit acht Jahren vor allem in seinem Zimmer. Jeden Nachmittag um 17 Uhr, wenn er gerade aufgestanden ist, kommt er in das Wohnzimmer mit der holzgetäfelten Decke und der roten Couch. Er stellt seiner Mutter immer die gleichen Fragen: "Was steht heute an? Was machst du?"
Am Anfang drängten die Eltern ihn, tobten, er müsse doch in die Schule. "Mensch, Junge, stell dich nicht so an!" Sie dachten sich Strafen aus: nahmen den Fernseher weg und dann den Computer. Thomas rastete aus, zertrümmerte Schränke und Fensterbrett, schlug faustgroße Löcher in die Wand.
"Unser Sohn war nicht mehr erreichbar für uns", sagt der Vater, "als hätte man ein Stück Seife in der Hand, das wegflutscht." Eine Jugendtherapeutin riet ihnen: "Es ist sein Leben, Sie können es nicht ändern. Akzeptieren Sie es." Da wurden sie gelassener im Umgang mit ihrem Sohn und ihr Sohn gelassener im Umgang mit ihnen.
Plötzlich tritt Thomas ins Zimmer. Weiß ist seine Haut, er sieht kaum Tageslicht, auch er hat sein Zimmer abgedunkelt. Er trägt ein altes, weißes T-Shirt, sein Blick ist schüchtern und sein Lächeln freundlich. "Hallo", sagt er, holt sich eine Fanta aus der Küche und verschwindet wieder in seinem kleinen Reich.
Als er geht, herrscht minutenlang Schweigen. "Das ist ein großer Fortschritt", sagt die Mutter schließlich. Seit Januar muss Thomas wöchentlich zur Therapie. Das hat ein Richter angeordnet, nachdem er nicht zum Wehrdienst erschienen war. Auch Sozialstunden muss Thomas ableisten. Als er nach der ersten nach Hause kam, erzählte Thomas, er habe Rasen gemäht im Freibad. "Ganz kurz", erzählt die Mutter, "habe ich Freude in seinen Augen aufblitzen sehen. Ich glaube schon, er war ein bisschen stolz auf sich."
Die Psychologin Schramm hat in einer gerade abgeschlossenen Studie herausgefunden, dass 58 Prozent aller Patienten mit sozialen Phobien bereits durch kurze Psychotherapien eine mittlere oder deutliche Verbesserung ihrer Krankheit erfahren. Je länger der soziale Rückzug dauere, desto schwerer falle allerdings der Weg zurück in die Welt, sagt sie. Den Soziophobikern fehlen viele Fertigkeiten, sie wissen nicht, wie man eine Bitte adäquat formuliert, wie man ein Gespräch beginnt oder wie man Konflikte löst.
Sven Hansen gehört zu denen, bei denen es wieder besser wurde. Der 29-Jährige ist groß, hat muskulöse Arme und wasserblaue Augen hinter einer grauen Brille. Zum Gespräch lädt er in eine Eisdiele in Westfalen. "Vor vier Monaten", strahlt er, "hätte ich das noch nicht gekonnt." Alles ist neu: ein Spaghetti-Eis zu bestellen. Der blonden Kellnerin in die Augen zu sehen. Und ein ärmelloses Shirt zu tragen. Früher gingen die Pullover bis zu den Handgelenken - egal, wie heiß es war.
Seit vier Monaten macht er eine Therapie. Er sagt, seine Isolation habe er erst verlassen, "als der Druck von außen groß genug war". Der Vater hatte Sven aus der elterlichen Wohnung geworfen. Sven suchte sich eine eigene und vergrub sich wieder. Aber ihm ging es niemals so schlecht wie Marie und Thomas, Sven ging hin und wieder - wenn auch mit viel Angst - einkaufen, in die Uni oder in ein Fitnessstudio. Dort riet ihm der Trainer zu einer Therapie.
Weil er nicht mehr weiter wusste, hörte er auf den Rat. Zwei Jahre lang hatte er fast nur in seinem Zimmer gelebt. Zwei Jahre lang hatte der Tag mit Sat.1-Frühstücksfernsehen begonnen und sich mit Playstation-Spielen hingezogen. Zwei Jahre lang war Angst sein ständiger Begleiter gewesen. Soziophobiker stehen ständig unter Stress, können nicht abschalten. Angst hatte Sven, dass der Vater wieder sagen könnte, er sei faul. Und vor dem Anruf beim Professor, von dem er noch einen verloren gegangenen Schein brauchte. Wie ein Tier im Käfig fühlte er sich, beobachtet von tausend Augen. Nachts schnürte sich die Angst wie ein Riemen um seine Brust und raubte ihm den Atem.
Ziel seiner Therapie, sagt Sven, "ist, dass ich die Angst kontrolliere und nicht die Angst mich". Wenn er, wie neulich, einer Bekannten auf der Straße begegnet, läuft in seinem Kopf nicht mehr der alte Film ab: "Jetzt sage ich bestimmt was Blödes, und dann sagt die, hau ab, du Arsch." Stattdessen habe er mit ihr über die Fußball-WM geredet. Er grinst und beugt sich über den Tisch - die Bekannte hat ihn sogar zu ihrem Polterabend eingeladen.
Sven ist ein Ausnahmefall. Einer, der das Leben außerhalb seines Zimmers in der elterlichen Wohnung wiederentdeckt hat. Und der Hoffnung macht: Ich wünsche mir, auch einmal mit meiner Cousine im Café zu sitzen und Spaghetti-Eis zu essen. Aber ich weiß, dass das lange dauern kann. Bis heute hat Marie auf meinen Brief nicht geantwortet.
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