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12.09.2006
 

Genreis in Deutschland

Nicht ungesund - aber bedenklich

Von Stefan Schmitt

Wie gefährlich ist der Genreis, der jetzt angeblich in Deutschland gefunden wurde? Die manipulierte Sorte LL601 wurde nie auf Verträglichkeit getestet. Experten bleiben nur Vermutungen. Ihnen zufolge ist der Genreis wohl nicht ungesund - aber ein Zeichen, dass es reines Essen bald kaum noch gibt.

Pasta und Spätzle, Polenta und Kartoffeln: Mancher Verbraucher ist dieser Tage heilfroh, dass Reis nicht die einzige Beilagen-Option für sein Mahl ist. Das Schlagwort Genreis verdirbt den Appetit. Genmanipulierter Reis, der sich gegen Insektenvernichtungsmittel zu wehren vermag - das ist nicht jedermanns Sache. Zumal, wenn von interessierter Seite Zweifel gesät werden: Was richtet der Reis im Magen von Allergikern, Hypersensiblen, von dir und mir wohl an?

Kartoffeln statt Reis: Die Genreis-Entwarnung ist bisher nur vorläufig
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Kartoffeln statt Reis: Die Genreis-Entwarnung ist bisher nur vorläufig

"Wahrscheinlich gibt es kein erhöhtes Gesundheitsrisiko", sagt Jochen Heimberg vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zu SPIEGEL ONLINE. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) geht nicht davon aus, dass die Gesundheit der Verbraucher bedroht ist. "Nach dem, was die Amerikaner abgeschätzt haben, ist nicht damit zu rechnen", sagt ein BfR-Sprecher. Auf eigene Daten stützen kann sich die Behörde allerdings nicht - sie muss die Einschätzung der US-Kollegen übernehmen.

Die Entwarnung hat zwei Bestandteile. Der erste ist: Die Verbraucher werden vertröstet, weil es bisher schlicht keine gesicherten Erkenntnisse gibt. Die Behörden können noch nichts sagen über eventuelle Folgen des Genreises für die Gesundheit - und ebensowenig können sie die Angaben über die Genreis-Funde auch nur bestätigen.

Genreis in deutschen Regalen - Ämter wissen von nichts

Ende August hat die EU verfügt, dass nur noch US-Langkornreis eingeführt werden darf, der erwiesenermaßen frei von genetisch veränderten Organismen (GVO) ist. Denn in amerikanischem Reis waren Spuren der nicht zugelassenen Variante LL601 aufgetaucht. In der vergangenen Woche machten die Umweltschützer von Greenpeace und Friends of the Earth dann mit der Nachricht Schlagzeilen, in Frankreich, Großbritannien und Deutschland habe man China-Nudeln mit Spuren sogenannten Bt-Reises gefunden. Der ist in Europa ebenso wenig für den Essenstisch des Menschen zugelassen.

Am Montag dieser Woche legte Greenpeace noch einen drauf: In einer Reissorte des Discounters Aldi-Nord habe man LL601 festgestellt. Am gleichen Tag meldete der europäische Verband der Reismühlen, in rund einem Fünftel von 162 Proben hätten seine Mitgliedsfirmen ebenfalls GVO aus den USA entdeckt. "Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass der Reis in Deutschland im Handel ist", sagt Bundesamtssprecher Heimberg. Doch er betont: "Abschließend kann man noch nichts bewerten."

Die Gentechnik-Expertin von Greenpeace Deutschland, Ulrike Brendel, spricht von einem "Flächenbrand". Reis-Importeure und -Lieferanten fürchten um ihren Absatz. Aldi-Nord nahm die inkriminierte Marke am Montag nach Ladenschluss aus dem Regal - vorsichtshalber, obwohl man selbst keine GVO-Spuren gefunden habe.

Nur nach Plausibilität kann entwarnt werden

Die weitere Dramaturgie ist vorhersehbar: Umwelt- und Verbraucherschützer werden laxe Kontrollen bemängeln. Die Kontrolleure werden mehr Zeit fordern. Das BVL hat gestern die Länder Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen angewiesen, sich den Aldi-Reis genauer anzusehen. Doch generell ist so etwas in Deutschland Sache der Bundesländer. Industrie und Handel werden Reis vernichten, der in Form unverkäuflicher Retouren zurück in die Lager kommt.

Nur der Konsument steht ratlos da, gleich ob Feinschmecker oder eiliger Aufwärmer tütenfertiger Reisschnellgerichte. Was bedeutet die Genreis-Aufregung? Gebietet die Sorge um die eigene Gesundheit wirklich den Umstieg auf Pasta, Spätzle, Polenta und Kartoffeln?

Der zweite Teil der vorläufigen Entwarnung für den Verbraucher ist eine schlichte Plausibilitätsannahme - denn LL601 wurde in den USA nie kommerziell verwendet, deshalb hat der Hersteller nie seine gesundheitliche Unbedenklichkeit nachweisen müssen. Immerhin wissen die Experten: In den USA wurde eine Mais-Variante mit derselben gentechnischen Veränderung genehmigt. Sie heißt T25. Ihr verleiht ein zusätzliches Protein Widerstandsfähigkeit gegen das Pflanzenschutzmittel mit dem schönen Namen "Basta". Die nötige Gensequenz mit der Bauanleitung für dieses Protein würde T25 künstlich eingefügt. Das macht ihn in der Umgangssprache zum Genmais.

Auch ein Genreis mit "Basta"-Resistenz existiert, die Variante LL62. Sie ist in den USA auch für den menschlichen Verzehr zugelassen und für unbedenklich erklärt worden. Die Maissorte T25 erhielt sogar in der EU die Zulassung. Sie wird hier eingeführt, angebaut, verfüttert und verspeist - nach Ansicht der Kontrollbehörden ohne eine Gefahr darzustellen.

Weltweit Felder voller Gen-Saatgut

"Unsere Experten haben gesagt: Weil das ein gleiches Protein ist, ist nicht davon auszugehen, dass von LL601 ein anderes Risiko ausgeht", sagt Heimberg zu SPIEGEL ONLINE. Dürfen sich die Konsumenten also zumindest vorläufig beruhigt fühlen? Die Verunsicherung über den vermeintlichen Genreis lenkt den Blick auf ein anderes, viel gravierenderes Problem.

Im Jahr 2003 wurden weltweit schon auf 55 Prozent der Anbaufläche für Soja GVO angebaut, auf 21 Prozent der Fläche für Baumwolle, auf 15 Prozent der Fläche für Raps und auf 11 Prozent aller Maisfelder. Für die EU mit ihrer recht restriktiven Gen-Politik ist es extrem schwer, den eigenen Markt frei von unerlaubten Genmanipulationen zu halten. Gar nicht, weil kriminelle GVO-Schieber auf Gedeih und Verderb Genfood in die Union schmuggeln wollten. Verunreinigungen sind das Problem.

So ist 2001 offenbar LL601 aus einer Universität im US-Bundesstaat Louisiana entwischt. Die Quelle der angeblichen Verunreinigung mit Bt-Reis aus China ist ebenfalls eine universitätseigene Firma, an der Forscher illegaler Weise Handel mit Gen-Saatgut getrieben haben. Jahre später finden wir nun womöglich Spuren dieses Tuns in Europa. Ist Europa vielleicht übermäßig zimperlich? Zumal wenn doch für den Rest des Planeten GVO in Ordnung zu sein scheinen?

Forscher fürchten unvorhergesehene Folgen

Für das vorsichtige Vorgehen bei Genfood spricht unter anderem der Befund des australischen Forschers Thomas Higgins von der Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation in Canberra. Er berichtete im Februar von einem beunruhigenden Tierversuch: Er übertrug ein Protein von Bohnen auf Erbsen, damit diese sich gegen einen Fraßfeind, die Larve des Gemeinen Erbsenkäfers, wehren können. Das funktionierte zunächst ganz gut. Doch bei Feldmäusen, die sich an den Generbsen labten, trat eine schwere Lungenkrankheit auf. Irritierenderweise blieben jene Mäuse gesund, die Bohnen und damit dieselben Larvenkiller-Proteine gefressen hatten. Die Erklärung: In den Erbsen hatte das Bohnenprotein eine neue Form angenommen - und so allergische Reaktionen bei den Mäusen ausgelöst.

Forschungsergebnisse wie diese dienen Genfood-Skeptikern als Argument und stützten eine zurückhaltende Politik der EU. Viele Kritiker sagen sogar, dass gar ein generelles Nein zur sogenannten grünen Gentechnik daraus folgen muss.

Allerdings sind beide Positionen wenig wert, solange Verschmutzungen aus anderen Weltgegenden sich auf europäische Essgewohnheiten auswirken. Auch die vorläufige Entwarnung beruhigt dann nur bedingt: Die Wahlfreiheit des Verbrauchers, bewusst und aus welchen Gründen auch immer auf Genfood zu verzichten, ist bedrohter denn je.

Mit Material von dpa/rtr

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