Für die Zukunft zeichnen sich gruselige Sportmomente ab. Zum Beispiel: Stürmer X allein auf dem Weg zum Tor. Kurz hinter dem Angreifer sprintet der letzte Mann des defensiven Mittelfeldes, Spieler Y - und zögert. Die Blutgrätsche würde ihn ja selbst auf die Bank befördern. "Ein Tor können wir ausgleichen, aber wenn ich nicht mehr mitspielen darf, wäre das schon blöd", schießt es dem sensiblen Kicker durch den Kopf. "Außerdem ist es ja gemein, womöglich tut er sich weh."
Dann spürt er ein leichtes Summen an der Schläfe - und plötzlich sind die Skrupel verflogen. Ein gezielter Knöchelsenser holt den siegessicheren Stürmer von den Beinen, der Ball kullert ins Toraus. Am Spielfeldrand lächelt der Trainer zufrieden und lässt den patentierten "Skrupel-Inhibitor 3000" mit dem großen roten Knopf wieder in die Anzugtasche gleiten.
Dass Ernst Fehr und sein Team von Neuro-Ökonomen an der Universität Zürich sich ihre Technik schon haben patentieren lassen, ist unwahrscheinlich - aber ganz abwegig ist das Szenario nicht. Die Forscher sind überzeugt, dem Menschen mit einem gezielten, starken Magnetfeld die Fairness austreiben zu können. Bei der sogenannten transkraniellen Magnetstimulation (TMS) können Magnetfelder die elektrischen Ströme im Gehirn beeinflussen und so bestimmte Hirnregionen räumlich sehr gezielt lahmlegen - für kurze Zeit.
Jetzt haben Fehrs Mitarbieterin Daria Knoch und ihre Kollegen die Stelle gefunden, an der man diese Magnetfelder ansetzen muss, wenn man jemanden zu unfairem Verhalten verleiten will - das glauben die Forscher und berichten darüber in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Science".
Man könnte ihre Ergebnisse allerdings auch als Entdeckung einer Art Rache-Bremse interpretieren. Die Versuchspersonen mit der Magnetspule am Schädel mussten das sogenannte Ultimatumspiel spielen: Spieler 1 bekommt einen Geldbetrag zur Verfügung gestellt. Davon muss er einen von ihm selbst bestimmten Teil Spieler 2 anbieten. Nimmt dieser an, bekommt Spieler 1 den ursprünglichen Betrag minus den angebotenen Teil. Lehnt Spieler 2 ab, weil ihm das Angebot unfair erscheint, bekommt keiner der Spieler etwas - der Empfänger kann den unfairen Verteiler also bestrafen, allerdings auf seine eigenen Kosten. Die Lesart der Forscher: In diesem Fall ist Spieler 2 die Fairness wichtiger als der eigene Vorteil - und er bestraft Spieler 1 für dessen unmoralisches Angebot.
Tatsächlich ist solches Gerechtigkeitsempfinden eine ziemlich typische menschliche Eigenschaft. Man könnte aber auch von Rache ohne Rücksicht auf Verluste sprechen.
Als Betrag gaben die Forscher den Probanden 20 Schweizer Franken. Davon nur vier Franken anzubieten, war für die Kontrollpersonen ein entschieden unfairer Vorschlag und damit inakzeptabel. Die Gruppe, bei der per TMS der rechte dorsolaterale präfrontale Kortex (DLPFC, eine Hirnregion in Höhe der Geheimratsecken) kurzfristig ausgeschaltet wurde, nahmen jedoch auch solche Offerten an. Und das, obwohl sie genau beurteilen konnten, ob das Angebot gerecht war oder nicht. Der Magnetstoß sorgte dafür, das die Ungerechtigkeit nicht geahndet wurde und beide Spieler etwas bekamen - auch wenn einer dabei übervorteilt wurde.
Ist das nun ausgehebelte Fairness, glasklarer, von Nützlichkeitserwägungen bestimmter Realismus oder schlicht Indifferenz gegenüber der Ungerechtigkeit anderer Menschen? Das werden weitere Experimente klären müssen. Jedenfalls haben die Forscher gezeigt, wie leicht sich von außen im weitesten Sinne moralische Aspekte unseres Verhaltens beeinflussen lassen.
Es ist also im Augenblick noch ungewiss, ob Fußballtrainer in naher Zukunft per Fernbedienung ihren Abwehrspielern die Fairness austreiben - denn eine gesunde Dosis Rachedurst kann ja für ein effektives Revanche-Foul durchaus von Vorteil sein.
cis/ddp
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