Von Ivo Maruszcyk
Vor einigen Jahren schließlich gab es Tests mit einer Flüssigkeit, die wesentlich mehr Sauerstoff transportieren konnte als die ursprünglichen PFCs. Der Hersteller behauptet, die Studien liefen noch. Doch die letzten Nachrichten sind vier Jahre alt.
Da die Boten aus der Chemieküche nicht funktionierten, lag es nahe, ebenjenen Stoff einzusetzen, den die Natur als perfekten Sauerstoffträger für den Organismus entwickelt hat: die Eisenverbindung Hämoglobin, die in die roten Blutkörperchen eingebettet ist. Als Quellen bieten sich Blutkonserven oder Tierblut an. Dabei ergibt sich ein neues Problem: Erstaunlicherweise kommt der Körper mit frei im Blut herumschwimmendem Hämoglobin überhaupt nicht zurecht. Reines Hämoglobin verengt die Blutgefäße sehr stark, was zu Versorgungsstörungen führt. Außerdem zerfallen freie Hämoglobin-Moleküle relativ schnell. Die Überreste schädigen die Nieren.
Um einen Blutersatz herzustellen, muss man das Hämoglobin in ein größeres Molekül einbauen. Am besten koppelt man gleich mehrere Moleküle zu Polymeren zusammen, die wesentlich stabiler und unschädlicher sind als die nackten Hämoglobin-Teilchen. Befeuert durch diese Erkenntnisse, setzte in den 90er Jahren ein hitziger Wettlauf um das künstliche Blut ein. Mehrere Pharmakonzerne waren in ihrer Forschung weit fortgeschritten und wähnten sich schon auf der Zielgeraden. Viele Ärzte ließen sich von der Euphorie anstecken. Die Hämoglobin-Lösungen schienen bei großen Blutverlusten tatsächlich lebensrettende Eigenschaften zu haben. Niemand stellte mehr infrage, ob künstliches Blut zur Marktreife kommt – es ging nur noch darum, wann.
Als Favorit galt der US-Pharmariese Baxter mit seinem Produkt HemAssist. Voruntersuchungen lieferten fantastische Werte. "Keine andere Hämoglobin-Lösung ist so gut untersucht worden", erinnert sich Oliver Habler, Chefarzt der Anästhesie am Frankfurter Nordwest-Krankenhaus, der sich seit Jahren mit Blutersatz befasst. "Damals hätte jeder gedacht, dass HemAssist das Rennen macht."
Doch es kam anders. Die Zwischenauswertung einer Studie ergab, dass HemAssist-Patienten häufiger starben als jene, die mit der üblichen Salzlösung behandelt wurden. Die Studie wurde gestoppt, Baxter stellte die Forschung ein. Wahrscheinlich verengte auch HemAssist die Blutgefäße zu stark.
Inzwischen richtet sich die Hoffnung auf einen neuen Forschungsansatz: Statt Hämoglobin-Moleküle zu künstlichen Sauerstoffcontainern zu verketten, könnte man doch gleich vollständige rote Blutkörperchen herstellen.
Der Pariser Arzt Luc Douay hat es im Laborversuch geschafft, menschliche Erythrozyten zu züchten. Mit Hilfe bestimmter Wachstumsfaktoren gelang es Douay und seinen Mitarbeitern, menschliche Stammzellen aus dem Knochenmark so zu programmieren, dass sie komplette rote Blutkörperchen bildeten. Ein aufsehenerregender Erfolg: Die Erythrozyten aus dem Reagenzglas vollzogen sogar den Schritt, ihren Zellkern auszustoßen, wie es sich für rote Blutkörperchen gehört. Theoretisch könnte man auf diese Weise aus einer einzigen Stammzelle fünf bis sechs Blutkonserven herstellen. Douay glaubt, es werde nur zwei bis drei Jahre dauern, ein Verfahren zur Massenproduktion roter Blutkörperchen zu entwickeln.
Doch Skepsis ist angebracht. Fraglich ist, ob die im Reagenzglas erzeugten Erythrozyten tatsächlich genau dieselben Eigenschaften haben wie ihre Vorbilder. Bislang ist nur bewiesen, dass es grundsätzlich möglich ist, sie herzustellen. Außerdem fehlt die Technik, größere Mengen zu produzieren. Dafür wären riesige Bioreaktoren nötig. Fachleute warnen schon jetzt vor den enormen Kosten solcher Methoden.
Selbst wenn Blut eines Tages aus der Retorte kommen sollte, bleiben Spender gefragt. In manchen Dörfern lässt sich jeder Achte vom Blutspendedienst anzapfen, für Schnittchen und Obst. Der menschliche Körper bleibt eben doch die billigste und beste Quelle für Blut.
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