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Wissenschaft im Mordfall Adam - niedergemetzelt für ein blutiges Ritual

2. Teil: Ein blutiges Opferritual und eine tödliche Bohne: Lesen sie, welche Spuren die Ermittler dem Mordmotiv näher bringen

Scotland Yard entschließt sich, die Ermittlung in Westafrika zu intensivieren. O'Reilly reist binnen drei Wochen 17.000 Kilometer durch Nigeria, begleitet von einem Team des Forensic Science Service. "Wir entnahmen überall Boden- und Gesteinsproben, auch in entlegenen Ortschaften, dazu Proben der Knochen wilder Tiere, die am Straßenrand als Buschfleisch verkauft werden." Der Grund: "Das Fleisch bestimmter Nager, Affen oder Schlangenarten bildet einen relevanten Teil der Ernährung." In Leichenschauhäusern nehmen sie Proben menschlicher Knochen. Jede Probe wird Koordinaten zugeordnet, für eine rasche Lokalisierung, wenn es eine Übereinstimmung mit Adam gibt.

In London wird unterdessen Adams Leiche erneut obduziert. In seinem Verdauungstrakt finden die Forscher kantige Kalziumphosphat-Partikel, die als Rückstände von zerstoßenen Knochen identifiziert werden; außerdem Spuren von Gold, zerkleinerte Tonscherben, Quarzgestein tropischer oder subtropischer Herkunft, vermutlich von einem Flussufer oder einer Sandbank. Kein Fragmente ist größer als ein Millimeter. Ein bis zwei Tage vor dem Tod muss Adam ein Trunk verabreicht worden sein, dessen Bestandteile keinerlei Nährwert besaßen.

Orangerote Shorts für das geliebte, getötete Kind

So erhärtet sich der Verdacht, dass Adam Opfer eines Rituals wurde: Vorher musste er fasten, dann bekam er ein rituelles Gebräu zu trinken, dann wurde er ermordet und irgendwo in die Themse geworfen, das ist die These.

Hazel Wilkinson von den Royal Botanic Gardens in Kew findet heraus, dass Adam kurze Zeit vor seinem Tod eine Calabar-Bohne von der gleichnamigen Küste in Westafrika verabreicht bekam. Eine halbe Bohne kann einen Erwachsenen töten. In kleineren Mengen lähmt die Bohne das Nervensystem und macht bewegungsunfähig - bei vollem Bewusstsein. Diese Pflanze ist in Westafrika bekannt durch Verbrechen mit okkultem Hintergrund.

Diese Erkenntnis ist zentral, denn sie bringt die Ermittler dem Motiv näher denn je und macht die grausame Vermutung eines afrikanischen Experten von Anfang 2002 immer wahrscheinlicher. Er hatte den Fall bei Scotland Yard so interpretiert: Der Junge sei in ganz bestimmter Absicht einer westafrikanischen Meeresgöttin geopfert worden - einem Ritual folgend, bei dem das fließende Blut des Kindes zentral sei. Der Täter habe es wahrscheinlich über eine kleine Figur oder Statue der Göttin fließen lassen und anschließend getrunken. Ein Menschenopfer, um etwas Großes, Bedeutendes zu erreichen. Das würden auch die leuchtend orangeroten Shorts zeigen, die die Kinderleiche trug. Diese Kleidung symbolisiere den Wunsch, der geliebte Junge möge wiedergeboren werden.

"Wir sind der Aufklärung so nah wie nie"

Soweit die Deutung, soweit der aktuelle Ermittlungsstand. Dank der einmaligen Kooperation mit der Wissenschaft ist Scotland Yard weiter gekommen, als es noch vor Jahren bei einem solchen Fall denkbar war. Zwar ist die wahre Identität von Adam noch immer unklar. Doch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit steht fest, dass er aus einem 150 Kilometer schmalen Korridor zwischen den Städten Benin City und Ibadan in Nigeria stammt.

Scotland Yard hat inzwischen eine Ausbildungs- und Kooperationsvereinbarung mit Kollegen in Nigeria getroffen und einen Mitarbeiter in Lagos stationiert. Er macht die klassische Polizeiarbeit: vergleichbare Fälle studieren, Experten in dem Land hören, Tür-zu-Tür-Befragungen organisieren, die Bevölkerung um Mithilfe bitten, Zeugen auftreiben.

"Wir haben mit so wenig begonnen", sagt Ermittlungsleiter André Baker. "Wir hatten nichts weiter als Adams Torso und die Shorts. Heute können wir sagen, woher der Junge stammt." Er habe den festen Willen, den Fall zu lösen. "Wir sind der Aufklärung dieses Verbrechens so nah wie noch nie", sagt O'Reilly. "Nur wenn wir in der Lage sind, den Körper des Kindes unter einem Grabstein mit seinem Namen zur Ruhe zu legen, nur wenn wir die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen können, hatten all diese wissenschaftlichen Anstrengungen einen Sinn."

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