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28.10.2006
 

Falsche Erinnerungen

Das Leben - eine einzige Erfindung

Von Marion Rollin

2. Teil

BLACK-OUTS, Verwechslungen und verzerrte Erinnerungen - was Menschen häufig besorgt an sich selbst wahrnehmen, ist letztlich oft ein Segen. "Unser ganzes Leben ist eine Erfindung", so spitzt Harald Welzer es zu, S-zialpsychologe und Leiter der Gruppe "Erinnerung und Gedächtnis" am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. "Es gehört zur menschlichen Normalität, sich falsch zu erinnern. Das korrekte Erinnern ist das Anomale." Zwar forme das Gedächtnis das Ich, Erinnerung bilde sich aber erst in der Gemeinschaft, in der Kommunikation mit anderen heraus. Welzer spricht vom "kommunikativen Gedächtnis". Ein Ereignis sei nicht das, was passiert sei, sondern das, was erzählt werden könne.

Deutlich zeigt sich dies in Erinnerungsgemeinschaften, etwa bei Menschen, die sich über ihre Kriegserfahrungen austauschen. Die zunächst individuellen Berichte werden sich oft von Treffen zu Treffen immer ähnlicher, bis sie schließlich in eine kollektive Erinnerung münden.

Dieses Phänomen brach sich Bahn anlässlich eines Vortrags des Koblenzer Historikers Helmut Schnatz über den schweren Bombenangriff auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945. Unter den Zuhörern waren viele ältere Dresdner, die sich daran erin-nerten, wie britische Tiefflieger sie gejagt hätten, während sie vor den Flammen durch die Straßen flüchteten. Mehrere Teilnehmer sagten, sie hätten sie noch genau vor Augen, "die silbrig schimmernden Mustangjäger".

Doch Schnatz konnte belegen, dass dies unmöglich geschehen sein konnte, weil der durch den Bombenangriff erzeugte gewal-tige Feuersturm jeden Tiefflug unmöglich gemacht hatte. Auch hatte eine Auswertung britischer Flugeinsatzpläne und Logbücher keinen Beleg für eine solche Menschenhatz geliefert. Die Zuhörer waren empört. "Ich protestiere dagegen", rief ein alter Mann, "dass fremde Historiker, die gar nicht in Dresden zu Hause sind, über unsere Heimatstadt schreiben dürfen." Hundertfacher Applaus.

Bei der Erinnerung an traumatische Erlebnisse ist das Gedächtnis besonders unzuver-lässig: Erfahrungen wie die Dresdner Bombennacht können - ähnlich wie die einer Vergewaltigung - extremen Stress und damit zusammenhängende biochemische Prozesse im Gehirn auslösen, die eine Speicherung von Erinne-rungen empfindlich stören. Nur noch Fragmente des ursprüng-lichen Ereignisses gelangen dann ins Langzeitgedächtnis. Um verstehbare Zusammenhänge bemüht, übernimmt das Gedächtnis dann die kreative Aufgabe, die Lücken zu schließen. Welzer vermutet, dass Erinnerungen an emotional belastende Situationen deutlich mehr hinzugedichtete Episoden enthalten als solche an "normale" Ereignisse.

WIE UNBEKÜMMERT das Gedächtnis auf "seinen" persönlichen Erinnerungen besteht und diese auch gegen bessere Einsichten verteidigt, zeigte sich bei Reaktionen auf die Wehrmachtsausstellung in den 1990er Jahren. Von 1433 gezeigten Fotos hatten zwar zwei Fotos falsche Unterschriften, 20 weitere missverständliche, doch alle anderen waren korrekt und dokumentierten erstmals die furchtbaren Verbrechen, an denen sich auch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg beteiligt hatte. Damals war der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt ein junger Oberleutnant. Nach gut 50 Jahren, während eines "Zeit"-Forums, wandte er sich wütend an den Historiker und Ausstellungsmacher Hannes Heer: "Sie müssen anerkennen, dass andere Leute anderes erlebt haben, als was Sie aus Ihren Dokumenten generell herauslesen."

Das Gedächtnis lässt sich nur schwer überzeugen. Der Schriftsteller Martin Walser hat dieses Dilemma in seinem viel diskutierten Vortrag "Über Deutschland reden" thematisiert. Er habe das Gefühl, sagte Walser, er könne mit seiner unbeschwerten Erinnerung an seine Kindheit im nationalsozialistischen Deutschland nicht nach Belieben umgehen: "Es ist mir nicht möglich, meine Erinnerung mithilfe eines inzwischen erworbenen Wissens zu belehren." Ein ihm bekannter Ortsgruppenleiter etwa erscheine noch immer als der, der er schon damals für ihn gewesen sei: ein "hilflos bayrisch-fränkisch quakender Mann in einer schreiend gelbbraunen Uniform, die nirgends hingehörte, nicht in die Gegend und nicht in die Jahreszeit".

Dem Gedächtnis, dem intimsten Gefährten des Menschen, lassen sich keine Zügel anlegen; seine Einfälle sind unberechenbar. Viele Erinnerungen, wie die von Walser, sind zwar authentisch, zeigen aber nur einen sehr beschränkten Ausschnitt der Realität. Daneben gibt es Erinnerungen, die der Realität sehr nahe kommen, aber alles andere als authentisch sind.

Das belegt der Fall Binjamin Wilkomirski. Sein Buch "Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1938 - 1945" erzählt davon, wie der kleine Binjamin die Lager von Majdanek und Auschwitz überlebt, dann in die Schweiz kommt, eine neue Identität erhält und von Menschen adoptiert wird, die alles daran setzen, seine furcht-baren Erinnerungen an die Zeit in den Lagern auszulöschen.

Das Buch wurde mit emphatischen Rezensionen gefeiert. Dann stellte sich heraus, dass Wilkomirski in Wahrheit Bruno Dössekker heißt, 1941 unehelich geboren und nach mehreren Heimaufenthalten von einer Züricher Familie adoptiert wurde. Den Holocaust kannte er nur aus zweiter Hand: Jahrelang hatte er sich in Literatur, Filme und Zeugenaussagen vertieft und allmählich jene Opfer-Identität angenommen, an die er selbst, daran besteht kein Zweifel, fest glaubte. Dössekkers "Erinnerungen" waren so realitätsnah, dass sie von KZ-Überlebenden, die jahrzehntelang sprachlos geblieben waren, als ein Durchbruch zu ihren Erinnerungen erlebt wurden.

Dürfen Historiker angesichts der trügerischen Auskünfte unseres Gedächtnisses überhaupt noch auf Zeitzeugen zählen? "Das Gedächtnis arbeitet nicht für Historiker", sagt Johannes Fried, "es dient dem Leben, und dieses bedarf fließender Anpassungen." Der renommierte Mediävist der Universität Frankfurt am Main provoziert seine Fachkollegen mit der Forderung, sie sollten sich mit der Neurobiologie des Gedächtnisses beschäftigen, um die Aussagen von Zeitzeugen besser einschätzen zu können. In seinem Buch "Der Schleier der Erinnerung" hat Fried beeindruckende Fallbeispiele für Irrtümer der Geschichtsschreibung zusammengetragen. "Jede Wirklichkeit ist damit Deutung und Konstrukt, ist stets Erinnerung und keine Wahrnehmung", resümiert er.

IRREN IST MENSCHLICH - schon bei viel kleineren Ereignissen. Etwa bei einem Experiment auf einem Universitäts-Gelände: Versuchsleiter hatten einen Campus-Plan in der Hand und fragten Passanten, wie sie zu einem bestimmten Gebäude gelangen könnten. Unerwartet bahnten sich zwei Männer mit einer Tür ihren Weg genau zwischen den beiden Gesprächspartnern hindurch. Diesen Moment nutzten die Forscher, um die Fragenden auszutauschen. In mehr als der Hälfte der Fälle erkannten die Befragten den Wechsel nicht. Erstaunt darüber, wurden die Forscher immer kühner, tauschten Männer gegen Frauen, Junge gegen Ältere aus.

Um mit Alltagssituationen effektiv umgehen zu können, so die Erklärung, benutzen Menschen bewährte Skripte; im geschilderten Fall lautete es: "Wenn mich jemand fragt, antworte ich auch demselben Menschen." Ein Austausch der Person ist nicht vorgesehen.

Ähnliches kann auch bei Tatzeugen passieren, deren Aussagen vor Gericht nach wie vor als wichtigstes Beweismittel gelten. Kriminalgeschichte gemacht hat der Fall Kirk Bloodsworth: Der Seemann wurde 1985 in den USA für schuldig befunden, ein neunjähriges Mädchen vergewaltigt und ermordet zu haben. Fünf Zeugen gaben übereinstimmend an, in ihm den Mann wiedererkannt zu haben, den sie zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts gesehen hatten. Er wurde daraufhin zum Tode und später zu zweimal lebenslänglicher Haft verurteilt. Erst 1993 bewies eine DNA-Analyse, dass Bloods-worth nicht der Täter gewesen sein konnte. Einer US-amerikanischen Studie zufolge beruhen 90 Prozent aller Justizirrtümer in den USA auf falschen Zeugenaussagen.

"Als Zeuge ist der Mensch eine Fehlkonstruktion", bestätigt der Strafrechtler Thomas Rönnau von der Bucerius Law School in Hamburg. Horst Herold, einst Präsident des Bundeskriminalamtes, habe den Zeugenbeweis sogar ganz aus dem Strafverfahren verbannen wollen. Nur noch der Sach-beweis sollte gelten. Die unbewussten Irr-tümer, die Erinnerungsfehler, seien das eigentliche Problem für die Justiz, sagt Rönnau, nicht die bewussten Lügen, die man viel eher entlarven könne. Die Vereidigung von Zeugen ist deshalb heute die absolute Ausnahme. Man wolle sie nicht in die Strafbarkeit treiben, heißt es dazu.

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23.10.2011 von finnegan:

Hier mag ein Zitat aus einem Pink Floyd Song dienen: The memory of a man in his old age, are the deeds of a man in his prime. Das triffts! mehr...

05.08.2011 von Websingularität: Puh

Wenn man über das Gedächtnis so nachdenkt, wird es einem unheimlich. Es wäre durchaus denkbar, dass jeder von uns erst seit 5Minuten existiert. Wir verlassen uns auf das Gedächtnis. Was wir seither erlebt haben kommt uns [...] mehr...

05.08.2011 von pcpero: Keine Festplatte

Man weiß, dass die Vorgänge im Gehirn auf physikalischen und chemischen Prozessen beruhen, also Stoffwechselvorgängen, die hochlabil und manipulierbar sind, z. B. durch die Ernährung, Stressoren, Krankheit. Ebenso ist gut [...] mehr...

05.08.2011 von Muskat:

Mal ein aktueller Bericht aus der FR: ---Zitat--- Nachts mistet das Gehirn aus Egal ob Sexphantasie oder Prophezeiung, Menschen messen ihren Träumen viel Bedeutung zu. Doch Traumforscher entzaubern: Unsere nächtlichen [...] mehr...

06.07.2008 von nonamebrand:

Ich glaube man muß hier zwischen bewußter und unterbewußter Wahrnehmung unterscheiden. Wobei ich zweifle dass es eine reine bewußte Wahrnehmung überhaupt gibt. Zuerst mal wird alles "unterbewußt" wahrgenommen und [...] mehr...

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