Von Marion Rollin
EIN STREICH DES GEDÄCHTNISSES war es wohl auch, der George Harrison unbewusst zum Plagiator werden ließ. Als Beatle stand er jahrelang im Schatten der kreativeren Köpfe der Band. Nachdem die Gruppe sich getrennt hatte, komponierte Harrison 1971 den Song "My Sweet Lord", der sich millionenfach verkaufte. Dann wurde dem Popstar der Prozess gemacht: Das Lied sei ein Plagiat des Jahre zuvor erschienenen Hits "He's So Fine". Harrison bestritt den Notendiebstahl. Das Verfahren zog sich fünf Jahre lang hin und endete mit einer Geldstrafe von 587?000 Dollar. "Harrison hat sicher nicht bewusst kopiert", urteilte der Richter, "sein Unterbewusstsein hat ihm vielmehr die einst erfolgreiche Melodie eingegeben. Aber leider sind es nun mal dieselben Noten." Psychologen bezeichnen eine solche Gedächtnis-Verwirrung als "Kryptomnesie"' Juristen nennen sie "unbewusste Entlehnung".
"Viele Menschen plagiieren ganz unverfroren", sagt Haimo Schack, Rechtswissenschaftler an der Universität Kiel und Experte bei urheberrechtlichen Streitfällen. Doch gerade in der Popmusik geschehe das Kopieren oft unbewusst. Jeder werde heute mit Melodien beschallt, im Kaufhaus, in der Bahnhofshalle, im Restaurant - und könne nach einiger Zeit nicht mehr unterscheiden, ob eine Melodie, die ihm in den Sinn kommt, ein eigener Einfall ist oder ein Streich des Gedächtnisses.
"AUF UNSERER EIGENSCHAFT, verzerrt wahrzunehmen und verzerrt zu erinnern, baut die gesamte Zauberkunst auf", sagt Peter Rawert. Tagsüber ist er Notar, akribisch genau, der jeden Fehler in einem Vertrag sofort bemerkt, abends jedoch spielt er als Zauberer mit den menschlichen Unzulänglichkeiten. Sein häusliches Arbeitszimmer schmücken nicht Bilder, sondern Zauberbücher und Kunststücke. Darunter der originalgetreue Nachbau einer Kartentaube aus dem späten 18. Jahrhundert.
Rawert mischt ein Kartenspiel und bittet die Besucherin, eine Karte verdeckt herauszuziehen, sie sich zu merken (Karo-Zehn) und sie dann wieder in das Kartenpäckchen zurückzustecken. Rawert stellt den Stapel nun vor die Kartentaube. Ein Glockenspiel erklingt, langsam senkt die Taube ihren Kopf - und pickt die Karo-Zehn heraus. Noch einmal den Trick bitte! Wieder zieht der Vogelschnabel die neu ausgewählte Karte heraus (Herz-Neun). Wie kann das sein? Spielt denn das Gehirn verrückt?
Rawert gibt den Trick schließlich preis: Er hatte, bevor die ausgewählte Karte in den Stapel zurückgesteckt wurde, der Besucherin einen aufgefächerten Kartenstapel angeboten und den kleinen Finger seelenruhig an die Stelle des Fächers geschoben, wohin die Karte gesteckt wurde. Geschickt ließ er dann die Karte ans Ende des Stapels wandern - an genau jene Stelle, von der der Vogelschnabel die Karte zieht.
Zaubern ist ein wunderbares Beispiel dafür, was das Gehirn dem Menschen vorgaukelt. Seit Jahrhunderten arbeiten die Ma-gier mit dem Wissen, dass Menschen in jeder Situation nur selektiv wahrnehmen; dass in das Langzeitgedächtnis nur jene Teilaspekte wandern, denen der Mensch überhaupt einmal seine Aufmerksamkeit geschenkt hat. Auf den Nebenschauplätzen kann der Zauberer derweil ganz unverdeckt hantieren. Vor Kindern, sagt Rawert, sei das Zaubern allerdings schwieriger. Ihr Gedächtnis habe zu wenige Erfahrungen gespeichert, die das, was sie sehen, manipulieren könnten. Erwachsene dagegen dächten Ergebnisse immer schon vorweg.
Neulich nahm Rawert sich fest vor, das diesmal nicht zu tun. Er saß beim Auftritt eines Zauberkollegen in der ersten Reihe, als dieser vor 200 Zuschauern Rawerts Lieblingstrick mit drei Bechern und drei Bällen vorführte. Ständig tauchten die Bälle dort auf, wo sie niemand erwartete. Zuletzt würde, das wusste Rawert, eine Zitrone unter einem der Becher liegen. Rawert sah besonders aufmerksam hin - und verpasste doch den entscheidenden Handgriff.
Am nächsten Abend saß er wieder in der ersten Reihe. Und entdeckte wieder nicht den Trick. Erst am dritten Abend sah er, wie der Magier die Zitrone ganz offen unter den Becher platzierte. "Man muss aufpassen", sagt Rawert, "dass man nicht den Verstand verliert."
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