"Viele schwer entstellte Menschen verlassen selten ihr Zuhause. Sie haben wenige oder keinen Kontakt zu anderen und führen nahezu eine Existenz im Zwielicht, versteckt vor den Blicken der Öffentlichkeit. Die meisten haben viele Operationen ertragen, aber mit traditionellen Techniken kann nicht mehr für sie getan werden." So beschreibt die britische Organisation Facetrust das Schicksal von Menschen mit einem schwer verletzten Gesicht. Nun soll bald der erste von ihnen ein komplettes fremdes Gesicht verpflanzt bekommen - das Antlitz eines Toten.
"Gesichtstransplantation hat sich anderswo als erfolgreiche Behandlung bewährt", sagte Andrew Way, der Geschäftsführer des Krankenhausträger Royal Free Hampstead NHS Trust. Das Ethikkomitee des Royal Free Hospital in London hatte heute grünes Licht für eine Komplettverpflanzung gegeben - es könnte die erste in der Welt sein.
Den Antrag gestellt hatte der plastische Chirurg Peter Butler, weltweit einer der führenden Gesichtchirurgen. Er ist auch der Vorsitzende des Facetrust, der nun zu Geldspenden für die ersten Patienten aufruft. Krankenhaus-Chef Way freute sich, dass Ärzte seines Hauses einmal mehr an "Pioniermedizin" beteiligt sein werden. Dabei ist die Verpflanzung von Gesichtern medizinethisch höchst umstritten.
Das spiegelt sich auch im Entscheidungsprozess des Ethikrates: Schon Mitte Juni hatte Butler mit einer Erlaubnis gerechnet. Doch die Diskussionen zogen sich bis jetzt hin. Nach eigenen Angaben liegen dem Ärzteteam Anfragen von 34 Interessenten aus aller Welt vor. Wegen der langwierigen Nachbehandlung soll ein Brite oder Ire für den Eingriff ausgewählt werden.
Furcht vor heftiger psychischer Reaktion
Bei der Operation würden die Haut, die darunterliegende Fettschicht, Blutgefäße und Adern eines Spenders verpflanzt. Der erste Vorstoß der britischen Ärzte, eine vollständige Transplantation bei einer 14-Jährigen vorzunehmen, war von der Ethik-Kommission abgelehnt worden. Sie befürchtete mögliche Persönlichkeitsstörungen bei der Patientin.
Erst kürzlich hatten Transplanteure in China in einem besonders drastischen Fall erfahren müssen, wie stark die psychische Reaktion auf ein fremdes Körperteil sein kann: Sie hatten einem Patienten erfolgreich einen fremden Penis verpflanzt. Sowohl der Patient als auch seine Frau lehnten das Organ aber so sehr ab, dass die Ärzte es wieder amputieren mussten. Berühmt ist auch der Fall des ersten Handtransplantierten. Der Neuseeländer entwickelte eine starke Abneigung gegen das fremde Gliedmaß - es musste wieder abgenommen werden.
Die in London geplante Operation könnte die erste vollständige Gesichtsverpflanzung der Geschichte werden. Zwei Teil-Transplantationen wurden bereits in Frankreich und China vorgenommen. Im vergangenen Jahr verpflanzten Ärzte der Französin Isabelle Dinoire Teile des Gesichts einer hirntoten Spenderin. Dinoire hatte durch einen Biss ihrer Hündin beide Lippen, ihre Nase und das Kinn verloren. In China wurden dem Jäger Li Guoxing nach einem Angriff durch einen Bären zwei Drittel eines fremden Gesichts verpflanzt.
Die Frage, was es bedeutet, mit dem Gesicht eines Toten zu leben, wurde parallel zu den spektakulären Eingriffen öffentlich diskutiert. Medizinethiker und Psychologen betonten, wie wichtig die Betreuung von Patienten und deren Angehörigen sei.
Wettrennen um die erste Komplettverpflanzung
Das erste Ärzteteam, das grünes Licht für die Komplettverpflanzung erhalten hat, ist die Gruppe um Butler allerdings nicht. Im US-Bundesstaat Ohio erhielten Chirurgen bereits 2004 grünes Licht für einen solchen Eingriff. Sie suchen bis heute nach einem geeigneten Patienten. Ein konkurrierendes Team aus Louisville in Kentucky hatte Anfang des Jahres berichtet, schon eine geeignete Patientin gefunden zu haben. Zur Operation kam es jedoch auch dort noch nicht.
Auch die Briten räumen ein, dass bis zur Operation noch einige Zeit vergehen kann, weil man die Patienten sehr sorgfältig auswählen muss. Butler sprach von einigen Monaten. Als Patienten kämen nur Menschen in Frage, denen auch dutzende chirurgische Operationen nach einer entstellenden Gesichtsverletzung nicht zu einem Leben in Normalität verholfen hätten, betonte Butler - eben jene "schwer Entstellten", für die der Facetrust sich einsetzt.
stx/AFP/AP
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