Zahlreiche Studien haben bereits die Folgen des TV-Konsums bei Kindern beleuchtet. Doch was britische Psychologen nun herausgefunden haben wollen, klingt besonders bedrohlich: Kinder finden eine leere Mattscheibe mehrheitlich interessanter als menschliche Gesichter.
Die Forscher der Universitäten in Stirling und Glasgow haben 34 Fünfjährigen, 25 Achtjährigen und 34 Erwachsenen auf einem Computermonitor Bilder gezeigt, auf denen Gesichter neben Spielzeug und Alltagsgegenständen zu sehen waren. Wie auf Grundlage früherer Studien zu erwarten war, haben alle Teilnehmer zuerst die Gesichter angeschaut.
Im zweiten Experiment lief es jedoch gänzlich anders: Nun zeigten die Wissenschaftler 143 Kindern ein abgeschaltetes Fernsehgerät neben den Gesichtern - und die Kinder fanden das TV-Gerät offenbar attraktiver. Die Forscher forderten die Kinder auf, so schnell wie möglich auf eine Taste zu drücken, wenn sie eine Tafel Schokolade auftauchen sahen. Die meisten der Sechs- bis Achtjährigen reagierten am schnellsten, wenn die Schokolade hinter dem Fernseher auftauchte. Die Forscher schließen daraus, dass die Kinder das Gerät bereits im Blick hatten. Nur die Fünfjährigen hätten schneller reagiert, wenn die Schokolade hinter dem Gesicht erschienen sei.
Markus Bindemann von der University of Glasgow, der die Studie gemeinsam mit Martin Doherty von der University of Stirling durchgeführt hat, hält die Ergebnisse für beunruhigend. "Gesichter sind wichtige soziale Reize", sagte Bindemann der Londoner "Times". "Es ist überraschend, dass Kinder lieber einen Fernseher anschauen." Soziales Verhalten hänge zu einem großen Teil von der Fähigkeit ab, sich in andere Menschen zu versetzen, indem man ihre Gesichter lese. "Wenn man nur auf eine Kiste starrt, kann man keinen echten Kontakt aufbauen", so Bindemann.
Kevin Browne, Psychologie-Professor an der University of Birmingham, äußerte jedoch Bedenken angesichts der Methode des Experiments. Es könne auch andere Gründe geben, warum die Kinder das Fernsehgerät den Gesichtern vorgezogen haben. So seien die Kleinen daran gewöhnt, auf einem Bildschirm plötzlich interessante Dinge wie etwa eine Tafel Schokolade zu sehen. Bei einem Gesicht sei das nicht unbedingt zu erwarten.
Dennoch warnte auch Browne vor den Folgen der exzessiven Benutzung von TV und Computer: "Wie ein Kind in den ersten Jahren seines Lebens sozialisiert wurde, übt einen großen Einfluss darauf aus, wie es später mit Menschen umgeht."
mbe
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