Nüchtern betrachtet ähnelt das Gebilde einem überdimensionierten Ei. Oder einem Ufo. Zweieinhalb Meter lang, knapp anderthalb Meter breit, ungefähr genauso hoch. Darin: 30 bis 40 Zentimeter tiefes, körperwarmes Salzwasser, fast gesättigt und damit konzentriert genug, einen Menschen zu tragen. Ihn schweben, träumen zu lassen. Sein Bewusstsein zumindest für kurze Zeit in andere Sphären zu hieven. "Floating ist ein ganz besonderes Erlebnis, ein Ur-Erlebnis" schwärmt Benjamin Tochtermann, der im Münchner Nobelviertel Schwabing ausgelaug-te, neugierige, vor allem aber zahlungskräftige Kunden in seinem Float-Center empfängt.
Den Besucher erwartet eine leicht esoterisch angehauchte, Vertrauen erweckende Atmosphäre. Genau das Richtige für einen Floating-Novizen, der seiner ersten Reise ins Nirwana mit zwiespältigen Gefühlen entgegensieht: Halb amüsiert, halb skeptisch steige ich im Adamskostüm in den Tank. Als sich der Deckel über mir langsam schließt, wird es stockfinster, still - und eng. Gut, ich kann die Kapsel jederzeit per Knopfdruck öffnen, falls mich klaustrophobische Gefühle bedrängen. Und ich darf jederzeit ein Infrarotlämpchen anknipsen, falls die Dunkelheit unbehaglich wird. Doch dann wäre der ganze Sinn des Unternehmens dahin: der völlige Entzug aller äußeren Reize - nichts hören, nichts sehen, schweben in der Schwerelosigkeit.
Einfach treiben lassen Alles ist schwarz. Ob sich die Kapsel notfalls wirklich öffnen lässt? Ich misstraue der Technik. Also testen: Jawohl, funk-tioniert. Jetzt aber endlich abschalten! Erneut bette ich mich in bester Absicht und will doch den Kopf immer wieder heben. Wieso ist es so schwer, sich dem tragenden Nass anzuvertrauen? Minuten vergehen, von Entspannung keine Spur. Dann passiert das Seltsame: Ohne dass ich mir dessen bewusst bin, taucht der Hinterkopf wie von selbst ins Wasser ein, als könne er nicht länger widerstehen. Von da an lasse ich mich treiben - im wahrsten Sinn des Wortes.
Flotation-REST (für Restricted Environmental Stimula-tion Technique), wie das Verfahren wissenschaftlich heißt, ist das geistige Kind des amerikanischen Neurophysiologen John Lilly, der an den National Institutes of Health in den USA ein ähnliches Gerät schon in den 1950er Jahren im Zusammenhang mit seiner Forschung zum Thema "Sensorische Deprivation" entwickelt hatte. Zu rein wissenschaftlichen Zwecken, versteht sich: Er hoffte die -Frage zu beantworten, ob bewusste Hirnaktivitäten äußere Stimulationen brauchen oder ob das Gehirn auch ohne Reize "schwingt".
Seine Fachkollegen betrachteten Lillys Selbstversuche zunächst voller Argwohn. Totaler Reizentzug, hieß es seinerzeit, mache Menschen schnell geisteskrank. Jedoch erlebte Lilly im Tank keineswegs Wirrnis, im Gegenteil. Nach eigener Auskunft profitierte er von "völlig neuen inneren Erfahrungen". Für den Floating-Pionier handelte es sich dabei eindeutig um "veränderte Bewusstseinszustände", im Englischen "Altered States of Consciousness" (ASC).
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH