Von Stefan Schmitt
Es war eine Sensation, die Münchner Forscher 1997 in wissenschaftlich-nüchternem Tonfall in der Zeitschrift "Cell" veröffentlichten. Zum ersten Mal überhaupt hatten sie das Erbgut eines Hominiden sequenziert - was auch Laien aufmerken ließ. Schließlich ging es um unseren nächsten Verwandten in der Evolution, den Neandertaler. Diese Woche ist es erneut so weit: Wieder steht die Wissenschaft vor einem solch bedeutsamen Ereignis. Genetiker berichten in den Wissenschaftszeitschriften "Nature" und "Science" fast gleichzeitig, dass sie den nächsten Schritt vollzogen haben.
Die Forscher haben die erste Million Basenpaare aus dem Zellkern des Neandertalers sequenziert und ausgewertet. Auch diesmal wird es wieder eine breite Öffentlichkeit interessieren: Denn die alte, teils hitzige geführte Debatte nach intimen Kontakten zwischen unseren Vorfahren und ihren Neandertaler-Vettern erhält eine neue, überraschende Wendung.
Die Forscher sind der Evolution genetisch so dicht auf der Spur wie noch nie - anders ausgedrückt: "Die Alt-Genomik ist geboren." Mit diesen Worten bejubeln die neuseeländischen Molekularbiologen David Lambert und Craig Millar in einem Begleitstück in "Nature" die Entdeckung. "Die Möglichkeit eines vollständigen Neandertaler-Genoms rückt näher. Diese Ergebnisse werden uns helfen, einige zentrale Fragen zur Evolution des Menschen zu erklären."
Der Durchbruch kommt zur besten Zeit: 2006 ist zum offiziellen Neandertaler-Jahr erklärt worden, 150 Jahre nach dem Fund der ersten Knochen bei Düsseldorf. Schon im Sommer hatte das Neandertaler-Genom-Projekt (NGP) öffentlich das ehrgeizige Ziel verkündet: Man werde das Genom des Homo neanderthalensis katalogisieren, als Gegenstück zum Erbgut des modernen Menschen und des Schimpansen. Zwei neue Methoden haben die jetzigen bemerkenswerten Fortschritte ermöglicht:
Die Doppel-Veröffentlichung markiert einen Durchbruch in der Laborarbeit. Das zentrale Problem der Paläogenetik, der Erforschung des Erbguts längst ausgestorbener Arten, scheint beherrschbar: DNA zerfällt nach dem Tod eines Menschen oder Tieres zu kleinen Schnipseln. Bei alten Knochen finden Forscher mehr Erbgut von Bodenbakterien oder gar den Ausgräbern als vom Toten selbst. Der jetzige Erfolg zeigt, dass eine vollständige Sequenzierung des Neandertalergenoms entgegen früherer Befürchtungen möglich ist. Das sagt der Humangenetiker Svante Pääbo, Direktor des Leipziger Max-Planck-Instituts, der an beiden Veröffentlichungen mitgearbeitet hat.
Erkenntnisse selbst aus winzigen DNA-Schnipseln
Gemessen an den geschätzten 3,2 Milliarden Basenpaaren eines Neandertaler-Genoms sind die bisher sequenzierten Stücke zwar erst ein Anfang - sie machen rund ein halbes Promille aus. Doch schon sie verraten viel über die Verwandtschaft zwischen modernem Menschen und Neandertaler. So traten bei der Evolution vom Schimpansen zum Menschen 93 Prozent aller Gen-Veränderungen auf, bevor sich der Neandertaler und der moderne Mensch, der Homo sapiens, unterschiedlich weiterentwickelten. Das ist ein guter Gradmesser für unsere nahe Verwandtschaft zum Neandertaler.
Die Entwicklung zwischen Neandertaler und Homo sapiens ging ungefähr vor einer halben Million Jahren auseinander. Die Leipziger Gruppe schätzt den Zeitpunkt auf rund 516.000 Jahre vor unserer Zeit, das US-Team auf 700.000 Jahre.
Die Erkenntnisse der Forscher dürften außerdem die Fantasie all jener beflügeln, die an intime Kontakte zwischen Homo sapiens und Homo neanderthalensis glauben. Denn im Material des Neandertalers fanden die Forscher überraschend Spuren, die er mit dem Homo sapiens teilt. "Möglicherweise hat es einen Austausch von genetischem Material zwischen dem modernen Menschen und dem Neandertaler gegeben", sagt Pääbo.
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