• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Erbgut-Analyse Verdächtige Sex-Spuren in Neandertaler-Genen

2. Teil: Lesen Sie weiter: Dass Menschen-Männer sich mit Neandertaler-Frauen paarten, scheint denkbar. Das Erbgut deutet auf Gene unserer Vorfahren bei Neandertaler-Kindern hin.

Das ist eine Überraschung. Bisher bildeten jene Anthropologen, die vom Sex der unterschiedlichen Hominiden ausgegangen waren, eine Minderheit. Die Argumentation anhand angeblicher Mischlingsknochen, wie sie zum Beispiel der US-Forscher Erik Trinkaus leidenschaftlich vertritt, ist aus der Sicht der meisten Kollegen kaum haltbar.

Menschen-Gene im Neandertaler - Hinweis auf Sex?

Anfang November hatte der Genetiker Bruce Lahn von der University of Chicago eine Untersuchung veröffentlicht. Sie zeigte anhand eines bestimmten Typs des Encephalin-Gens (MCPH1), dass rund drei Viertel aller modernen Menschen eine Mutation in sich tragen, die nicht von unseren direkten Vorfahren, sondern von einem ausgestorbenen Verwandten stammt - möglicherweise vom Neandertaler. Das aber ist bislang bestenfalls Spekulation. Belege für ein Tête-à-Tête zwischen Homo neandertalensis und Homo sapiens fehlen.

"Bisherige Studien mit mitochondrialer DNA haben immer darauf hingewiesen, dass es keine Vermischung gab", sagt Johannes Krause aus dem Leipziger Forschungsteam zu SPIEGEL ONLINE. Das Erbgut der Mitochondrien, den Kraftwerken der Zelle, wird nur in der mütterlichen Linie weitergegeben. Doch bei der jetzt vorgestellten Teilsequenz handelt es sich um genetische Information aus dem Zellkern. Die Folge: "Man könnte sich dadurch theoretisch auch andere Szenarien vorstellen", sagt Krause. Er nennt als Beispiel eine Fortpflanzung von Homo-sapiens-Männern mit Neandertaler-Frauen.

Das würde bedeuten, dass der moderne Mensch in der Urzeit Sex mit seinen nächsten Art-Nachbarn hatte. Krause warnt allerdings, noch sei es "ein bisschen früh" für mehr als Spekulationen - schließlich sei bisher nur ein Teil des Neandertaler-Genoms veröffentlicht. Erstens betrage die Sequenz nur 0,04 Prozent des gesamten Neandertaler-Genoms. Zweitens stamme sie bisher nur von einem einzigen Neandertalerknochen - "und vielleicht sequenzieren wir in Vindija ja eine potentielle Mischlingspopulation", sagt Krause. Sprich: Noch ist die Lage zu unsicher für sichere Aussagen, die Unterschiede seien nicht mehr als ein Hinweis. "Das könnte noch eine statistische Schwankung sein." Außerdem berichten die Forscher von Verzerrungen durch altersbedingte Schäden an der Neandertaler-DNA.

Suche nach der Essenz des Menschlichen

Das allerdings ist vorerst gar nicht so wichtig. "Es geht gar nicht darum, jede Base richtig zu haben", sagt Matthias Krings. Er hat 1997 in Svante Pääbos Münchner Labor die erste Neandertaler-Sequenz analysiert und in "Cell" veröffentlicht. Er weiß aus seiner Erfahrung mit der Aufbereitung alter DNA: "Es wird immer noch Fehler über Fehler geben - auch noch nach mehrfachem Sequenzieren." Aber um ein identisches Abbild des uralten Erbguts gehe es auch nicht.

Vielmehr diene das Neandertaler-Genom vor allem zur Klärung einer ganz anderen Frage: "Welche Bereiche haben sich beim modernen Menschen in den letzten paar hunderttausend Jahren verändert?" Der Neandertaler eigne sich für eine Antwort auf diese Frage viel besser als zum Beispiel der Schimpanse, wegen der späteren Trennung von der Entwicklungslinie zum Homo sapiens. Krings' Erwartung: Im direkten Vergleich können Wissenschaftler jene zigtausend Basen identifizieren, "die dem Homo sapiens den Vorteil über den Neandertaler verschafft haben, während beide parallel in Europa gelebt haben".

Krings erinnert der jetzige parallele Erfolg zweier Forschergruppen an den Wettlauf um die Entschlüsselung des menschlichen Genoms vor Jahren. Der Unternehmer Craig Venter hatte sich damals mit seiner Shotgun-Methode ein Rennen gegen eine internationale, staatliche Forschergruppe geliefert - und die Sache dadurch erheblich beschleunigt. Auch jetzt zeige sich wieder, sagt Krings: "Es ist gut, mehrgleisig zu fahren."

In anderthalb Jahren wollen die Leipziger Forscher ein komplettes Genom vorlegen. Mit dem Erbgut aus dem Zellkern wird sich dann auch die Frage nach dem Sex klären lassen - und danach, wie viele Spuren von uns sich im Neandertaler finden.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Mensch

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP