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Exotische Krankheit Gepeinigt von der Geisterhand

2. Teil: Lesen Sie weiter in Teil 2: Geisterhand-Patienten wähnten sich von einem Dämon befallen. Eine Frau wurde von ihrer Geisterhand regelrecht gewürgt - ihr Gehirn führte Ärzte auf die Spur des seltsamen Syndroms.

Der deutsche Nervenarzt Kurt Goldstein (1878–1965) beschrieb das Phänomen der "Fremden Hand" als Erster. 1908 berichtete er von einer Patientin, deren Hand nach einem Schlaganfall einen eigenen Willen entwickelt zu haben schien. Einmal krallte sie sich so fest um den Hals der Frau, dass zwei Männer sie losreißen mussten, um die Patientin vor dem Ersticken zu retten. Die Frau selbst glaubte, ein Dämon sei in sie gefahren. Der Arm und sie, das seien zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten. Nach ihrem Tod untersuchte Goldstein ihr Gehirn und fand eine Läsion der rechten Hemisphäre und des Balkens, des so genannten Corpus callosum.

1945 schilderte der amerikanische Arzt Andrew J. Akelaitis den Fall eines anderen Patienten, dem bei einem chi-rurgischen Eingriff der Balken durchtrennt worden war, um eine Form der Epilepsie zu behandeln. Seitdem vollführte die linke Hand des Mannes immer wieder Bewegungen, die denen der rechten entgegengesetzt waren. Akelaitis nannte das Phänomen "diagnostische Dyspraxie", wobei der Name "Dyspraxie" eine Koordinationsstörung beschreibt.

Verbindung unterbrochen

Den Begriff "Fremde Hand"-Syndrom prägten zwei französische Hirnforscher erst 1972: S. Brion und C.-P. Jedynak beschrieben es an vier Patienten, die alle einen Tumor im Corpus callosum hatten. Genau wie Herr A. waren auch diese Menschen nicht in der Lage, die Hand als Teil ihrer selbst zu begreifen, sobald diese sich außerhalb ihres Gesichtsfelds befand.

Heute geht man davon aus, dass es zwei Arten von Syndromen mit teilweise verschiedenen Ausprägungen gibt. Die eine Form betrifft Menschen mit Schädigungen des Balkens, seltener des Frontallappens. Sie leiden in der Regel an einem "intermanuellen Konflikt", das heißt eine Hand – meist die linke – tendiert dazu, sich dem Willen der anderen zu widersetzen. Die Ursachen dieser Störung erklärt eine gängige Theorie so: Eine Gehirnhälfte steuert jeweils die Bewegungen der anderen Körperseite. Funktion und Aufbau der Hemisphären sind jedoch nicht komplett symmetrisch, vielmehr ist die linke Seite besonders am logischen und analytischen Denken beteiligt und steuert zudem stärker unsere komplexen, feinmotorischen Bewegungsabläufe.

Trennt man die beiden Hemisphären, wird die linke Hand nur noch von der rechten Hirnhälfte gelenkt und verliert den Kontakt zur linken. Die typischen Symptome einer "Fremden Hand" treten vor allem dann auf, wenn die gesunde Hand in Bewegung ist: Der Patient spürt eine Art Entfremdung des gegenüberliegenden Körperteils – es scheint ihm nicht zugehörig und entzieht sich seiner Kontrolle.

Bei der zweiten Patientengruppe hingegen ist das Corpus callosum intakt und nur der Frontallappen geschädigt. Dort liegen Hirnareale, die Bewegungen planen und ausführen. Hier betrifft das Phänomen der "Fremden Hand" in der Regel die rechte, meist dominante Körperseite. Wieder manipuliert die Hand und greift zwanghaft nach Dingen, die sich im Gesichtsfeld des Betroffenen befinden – ein Merkmal, das als "Grasping" (englisch für greifen, zupacken) bezeichnet wird.

Um mit den Kapriolen seiner linken Hand fertigzuwerden, brauchte Herr A. dringend unsere Hilfe. Doch konnte ich nicht viel für ihn tun – von ein paar guten Ratschlägen abgesehen, die ich den wenigen vorliegenden Fallschilderungen entnahm. In der gesamten Literatur sind überhaupt nur rund 50 Fälle dokumentiert. So ist auch unvorhersehbar, wie lange das Syndrom der "Fremden Hand" anhält: Mal verschwindet es nach wenigen Wochen oder Monaten, mal hält es jahrelang an.

Herr A. bindet sich seit dem Besuch bei uns beispielsweise den linken Arm auf dem Rücken fest, wenn er in Ruhe seinen täglichen Aufgaben nachgehen will. Zudem bemerkte er mit der Zeit, dass es ihm hilft, der rechten Hand laut einen Befehl zu geben – dann hält oft auch die linke eine Weile still. Der Grund dafür ist uns bis heute unklar, wenngleich Herr A. für sich selbst eine Erklärung gefunden hat: "Die 'Fremde Hand' ist wie ein Kind. Man muss sie erziehen – mit Zuckerbrot und Peitsche."


Daniela Ovadia ist Neurologin und lehrt heute Wissenschaftsjournalismus an der Universität Padua.

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