Vielleicht war der Bau der Pyramiden von Gizeh doch nicht so beschwerlich: Die Steine sollen auf der antiken Dauerbaustelle wie heutzutage Beton zusammengemischt und in Form gegossen worden sein - was wesentlich einfacher gewesen wäre als Tausende Menschen jahrelang Millionen tonnenschwerer Klötze aus den benachbarten Steinbrüchen von Tura und Maadi heranschaffen zu lassen.
Die Idee der antiken Steingießer ist nicht neu, dafür umso heftiger umstritten. Nun scheint es neue Belege zu geben, die für den weniger anstrengenden Pyramidenbau sprechen. Die Struktur der Pyramidensteine sei wesentlich komplexer als die der Natursteine aus dem Steinbruch, schreibt das französische Wissenschaftsmagazin "Science et vie" unter Berufung auf eine Studie von Gilles Hug vom Centre National de la Recherche Scientifique.
Mit Röntgenstrahlen und Plasma-Lampen untersuchten Hug und seine Kollegen die Pyramidensteine. Das Ergebnis: Bestimmte Mikro-Bestandteile weisen Spuren einer schnellen chemischen Reaktion auf. Sie sei mit Blick auf Klötze aus den Steinbrüchen "unerklärlich". Setze man jedoch voraus, dass sie wie Beton gegossen wurden, sei die Reaktion "klar verständlich". Weitere Untersuchungen haben zudem ergeben, dass die Brechungsspektren der Pyramidensteine und der Steinbruch-Proben deutlich voneinander abweichen.
Antiker Betonbau - "auch wenn es Ägyptologen nicht gefällt"
Die Studie ist eine von zahlreichen, die die These stützen, die alten Ägypter hätten die Steine für ihre Pyramiden aus einer Art antikem Beton gegossen. Wahrscheinlich sei, dass es sich um von Menschenhand hergestellte Geopolymer-Steine handle, berichtet Hugs Team. Der Wissenschaftler Guy Dumortier von der belgischen Universität Namur wies schon früher nach, dass in den Pyramidensteinenhöhere die Konzentration von Fluor, Silizium, Magnesium und Natrium höher ist als in den Natursteinen.
"Auch wenn es den Ägyptologen nicht gefällt: Die Nutzung von Geopolymeren für den Bau der Pyramiden ist die wahrscheinlichste Variante", sagte Dumortier. Der französische Chemiker und Pyramidenforscher Joseph Davidovits vertritt die Geopolymer-These schon seit 30 Jahren. Ihm zufolge bestehen die gegossenen Steine zu 93 bis 97 Prozent aus Naturkalk, den Rest macht das Bindemittel Kaolinit-Ton aus.
Wurden die geschätzten fünf Millionen Einzelsteine aus den Pyramiden von Gizeh tatsächlich aus Kalk und Bindemitteln gegossen? Wenn ja, dann hieße das "Science et vie" zufolge: Die Arbeiter waren deutlich weniger am Bau beteiligt als bislang angenommen. Damit würde die Historie des antiken Pyramidenbaus widerlegt: Die Steine hätten nicht aus den weiter entfernten Brüchen geschlagen werden müssen und so hätte es auch keine langen Transportwege gegeben.
tos/AFP
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