Von Carola Kleinschmidt
Sie sind chronisch müde und der Magen schmerzt täglich. IT-Profis haben kein leichtes Leben. Im Gegenteil. Mitarbeiter in IT-Projekten leiden bis zu viermal häufiger unter psychosomatischen Beschwerden als der Durchschnitt der Beschäftigten. 40 Prozent stehen kurz vor dem Burnout, fühlen sich seelisch und körperlich völlig erschöpft. Das zeigt eine Studie des Instituts für Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen von Ende 2006. Für ihre Untersuchungen haben die Arbeitsforscher sieben IT-Projektgruppen 16 Monate lang begleitet.
Die kleine IAT-Studie reiht sich in eine große Kette von internationalen Studien ein. Sie zeigen seit den 90er Jahren, dass die Arbeit in der modernen Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft - trotz all ihrer Freiheiten, wie flexibler Arbeitszeiten und großer Eigenverantwortung - ziemlich anstrengend für die Psyche ist. Und im Extremfall krank macht.
Johannes Siegrist, Medizinsoziologe an der Universität Düsseldorf, zeigte anhand von Langzeitstudien, dass Arbeitnehmer, die sich für ihre Arbeit nicht angemessen wertgeschätzt fühlen, unter Dauerstress leiden. Die Folge: Sie haben ein doppelt so hohes Risiko, an einem Herzinfarkt oder einer Depression zu erkranken. Wertschätzung (Gratifikation) bedeutet dabei neben dem Geld in der Lohntüte auch menschliche Anerkennung und die Möglichkeit, sich in einem sicheren Arbeitsverhältnis weiter zu entwickeln.
Ein Drittel der Erwerbstätigen in Europa in der Krise
Für viele geht dieser Tauschhandel nicht mehr auf. "Besonders im Dienstleistungsbereich oder auch in prekären Arbeitsverhältnissen fühlen sich viele Menschen nicht gerecht entlohnt", sagt Siegrist. Sei es, weil der Job unsicher ist, die Arbeit sich endlos stapelt oder der Chef nie zufrieden ist. Siegrist sagt: "Derzeit leidet ein Drittel der Erwerbstätigen in Europa an einer Gratifikationskrise" - und hat damit ein stark erhöhtes Risiko ernsthaft krank zu werden.
Warum, das verdeutlichen drei Forschungsarbeiten aus den letzten Jahren beispielhaft:
"In Deutschland ein individuelles Problem"
Die Psyche der Arbeitsgesellschaft in Not - erstaunlich, dass nur wenige Unternehmen etwas gegen den Stresspegel tun. Fast 80 Prozent der Firmen wissen nicht einmal, wo die Stress-Quellen sitzen, zeigte eine Umfrage des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung unter 2200 Betrieben im Jahr 2004. Dabei haben Arbeitgeber seit 1996 laut Arbeitsschutzgesetz sogar die Verpflichtung, die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu schützen.
Experten kritisieren die Untätigkeit der Unternehmen. "In Deutschland ist die Annahme verbreitet, der Umgang mit Stress sei ein individuelles Problem", beobachtet IAT-Arbeitsforscher Latniak. Die Unterstützung für die Mitarbeiter erschöpft sich deshalb meist auf Stress-Management-Seminare oder Entspannungs-Trainings.
Diese Maßnahmen helfen allerdings nur oberflächlich, wenn es "keine Veränderung in der Arbeitsstruktur und im Management" gibt, sagt Latniak: Wenn Deadlines unumstößlich sind, jedoch im Laufe eines Projektes ständig neue Anforderungen zu erfüllen sind, wenn der Chef Ziele nur diffus formuliert. Wenn 16-Stunden-Tage erwünscht und Pausen verpönt sind - dann regiert der Stress. Ganz gleich wie viel Stress-Trainings man besucht hat.
Auch die Vorgesetzten geben alles
Die kollektive Psychokrise geht aber nicht nur von den Chefs aus, auch der moderne Arbeitnehmer trägt seinen Teil dazu bei. Die Bereitschaft sich für den Job zu verausgaben, ist bei fast allen Berufsgruppen sehr hoch, zeigte die Umfrage der Initiative Gesundheit und Arbeit vor zwei Jahren. Für viele Menschen ist der Job offensichtlich das wichtigste Feld für Engagement und Selbstverwirklichung – und man gibt alles, was man hat für das Gelingen von Projekten und Aufgaben. Auch, wenn dabei Erholung, Familie und sogar die Gesundheit auf der Strecke bleiben.
Dazu kommt, dass viele Menschen offensichtlich gar nicht merken, wenn sie in die Stress-Erschöpfungs-Falle geraten. Sie nehmen ihre Überlastung erst wahr, wenn sie wegen chronischer Rückenschmerzen von Arzt zu Arzt laufen müssen oder die Depression sie fesselt. "Bei den ersten Anzeichen von Erschöpfung kann man in der Regel noch selbst gegen steuern", erklärt Dr. Hans-Peter Unger, Psychiater und Psychotherapeut in Hamburg. "Wer jedoch die ersten Zeichen wie Schlafstörungen oder Schmerzen ignoriert und weiter arbeitet wie bisher, läuft Gefahr in eine Erschöpfungsspirale zu geraten. Auf Dauer können so ernsthafte psychische Probleme entstehen, bis hin zur Depression." Unger kümmert sich im bundesweiten Bündnis gegen Depression um den Zusammenhang von Arbeitswelt und Depression.
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