Von Carola Kleinschmidt
Letztlich führt wohl nur der zweigleisige Weg IT-Projektarbeiter und all die anderen gestressten Arbeitnehmer aus dem Teufelskreis: Praktische Anti-Stress-Maßnahmen im Unternehmen kombiniert mit einer selbstkritischen Reflexion über das persönliche Arbeitsethos.
Eine ganze Reihe schwedischer Unternehmen und einige deutsche Pionierfirmen haben mit diesem Ansatz bereits gute Erfahrungen gemacht: Der schwedische Automobilkonzern Volvo schickte bereits 2002 einen gesamten Geschäftszweig ins Burnoutseminar. Das betraf immerhin 1000 der insgesamt 25.000 schwedischen Mitarbeiter und Führungskräfte - verpflichtend. So lernte die gesamte Belegschaft, wie sich psychische Überlastung bemerkbar macht – und wie man sie vermeiden kann.
"In wenigen Monaten hatte sich das Anti-Erschöpfungsprogramm amortisiert", sagt die Ärztin Asberg. Die Zahl der psychischen Erkrankungen und damit die Zahl der Langzeiterkrankungen sank rapide. Inzwischen werden alle Führungskräfte der Konzernniederlassungen in Schweden entsprechend geschult. "Ich schätze, wir verhindern auf diese Weise etwa 50 Burnout-Fälle pro Jahr", sagt Kenth Berndtsson, bis zum Jahreswechsel 2007 Personalleiter bei Volvo Logistik und Initiator des Projektes.
Fitness während der Arbeitszeit und Wiedereingliederung
Ein Pflegedienst in Malmö spendiert seinen Mitarbeitern jede Woche drei Stunden Arbeitszeit für die persönliche Fitness. Eine begleitende Studie des National Institute for Working Life hatte gezeigt, dass vor allem die mentale Gesundheit der Pflegeprofis von Fitness-Aktivitäten während der Arbeitszeit profitierte.
Die schwedische Bahngesellschaft, Statens Järnvägar (3300 Mitarbeiter), setzt seit 2005 alles daran, auch schwierige Mitarbeiter wieder ins Unternehmen einzugliedern: Jedem Beschäftigten, der längere Zeit krank war, steht ein Rehabilitations-Team bei - ein Arzt, ein Experte aus dem Unternehmen, jeweils ein Physiotherapeut, Diätassistent und Psychologe. Das Programm ist erfolgreich. Während früher viele Mitarbeiter mit Stress-Erkrankungen oder anderen langwierigen Krankheiten ganz aus der Firma ausschieden, schaffen jetzt viele den Weg zurück zu ihrem qualifizierten Job.
In Deutschland nimmt der Chemiekonzern BASF mit seinem Stress-Management eine Pionier-Rolle ein: Die regelmäßige Mitarbeiterbefragung erhebt seit 2003 auch das Stressempfinden der Beschäftigten, mögliche Gefühle von Überforderung und Termindruck - und ob die Mitarbeiter nach der Arbeit gut abschalten können. Zeigen sich Probleme, werden die Ursachen systematisch erforscht und die passenden Gegenmaßnahmen eingeleitet. Führungskräfte werden geschult. Im Intranet gibt es Informationen zu psychischen Themen von Sucht bis Stress, inklusive Telefonnummern für die persönliche Beratung.
Jeder Euro rentiert sich binnen 3 Jahren mit 1,8 Euro
Der Antrieb für all diese Anti-Stress-Maßnahmen ist natürlich nicht die pure Menschenliebe, sondern das Ergebnis einer schlichten Rechnung. Menschen mit psychischen Erkrankungen fallen im Durchschnitt 28,5 Tage im Job aus, rechnet der aktuelle Gesundheitsreport der DAK vor.
Außerdem können sie schon lange vor dem totalen Zusammenbruch etwa 20 bis 40 Prozent weniger leisten als gesunde Mitarbeiter, schätzt der Kölner Angstforscher Winfried Panse. Das ist für Unternehmen enorm teuer. Michael Kastner, Leiter des Instituts für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin in Herdecke, hat das beziffert: "Ein Euro Investition in eine moderne Gesundheitsförderung zahlt sich nach drei Jahren mit mindestens 1,8 Euro aus."
Deutsche Arbeitswissenschaftler hoffen deshalb, dass in Zukunft mehr Unternehmen in Deutschland diese Einsicht verinnerlichen. "Dass der wirtschaftliche Erfolg der Unternehmen derzeit auf Kosten der Gesundheit von Zigtausenden geht", sagt Medizinsoziolge Siegrist, "scheint mir keine zukunftsweisende Strategie."
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