Von Heike Le Ker und Stefan Schmitt
Zwar betonen die Eltern, es gehe ihnen nicht um den eigenen Komfort, doch der Aspekt der Pflege ist das zentrale Argument des ganzen Experiments: Ashley soll auch weiterhin in ihren Zwillingskinderwagen passen. Die Familienmitglieder sollen sie weiter heben, knuddeln, mit sich herumtragen können. Unsere wohlüberlegte Entscheidung als liebende Eltern, so argumentieren die beiden.
"So etwas wäre in Deutschland ethisch und praktisch undenkbar", sagt Schnabel. "Ich kann das Vorgehen der Kollegen medizinisch überhaupt nicht nachvollziehen."
Nach Schnabels Ansicht wäre Ashley unter den gegebenen Voraussetzung auch ohne Therapie nicht groß geworden: "Ein behindertes Kind, das schon mit sechs Jahren vorzeitig in die Pubertät kommt, hat ohnehin schon einen zu hohen Östrogenspiegel. Das Hormon bewirkt im Körper bereits, dass die Knochen schneller reifen und sich die Wachstumsfugen frühzeitig schließen."
Vielmehr, so Schnabel, könne man in einem derartigen Fall durch andere Hormone die einsetzende Pubertät hemmen. Die Menstruation würde so nicht einsetzen und die Pflege fiele leichter. "Diese Therapie hat weitaus weniger Risiken als eine zusätzliche Östrogenbehandlung", sagt Schnabel.
Öffentliche Unterstützung - und harsche Kritik
Die Seattler Ärzte und Ashleys Eltern hielten "Ashley Treatment" für die beste Wahl - und fanden sich deswegen inmitten einer leidenschaftlich geführten Debatte. An einen Bericht der US-Nachrichtenwebsite MSNBC im November war ein Diskussionsforum angehängt, das bis heute der Ort einer lebhaften Debatte ist. Die meisten Teilnehmer drückten Anteilnahme, viele auch Unterstützung aus. "Sollten Eltern das Recht haben, das Wachstum behinderter Kinder zu beschränken, um sie weiter zu Hause pflegen zu können?", hatte MSNBC gefragt - und damit auch heftige Ablehnung hervorgerufen. "Schrecklich", schreibt Nutzer "giope" in einem der jüngsten Einträge, "ich schätze mal, ihre Eltern wollen einfach ihren 'Kissen-Engel' (wie sie sie nennen) in ein Kissen verwandeln" - nicht alle Beiträge zeichnen sich durch Zurückhaltung aus.
"Ich finde das anstößig, wenn nicht pervers", erregte sich der Nutzer "buzzinzki" Anfang November, "wirklich ein Meilenstein in unserer auf Annehmlichkeit bedachten Gesellschaft". Gleichermaßen urteilte "onic12": "Wenn diese Eltern sie wirklich so sehr liebten, hätten sie sie so gelassen wie sie ist und nicht so, wie sie sie haben wollen."
Noch schlimmer, auch das Wort Eugenik fällt in der Debatte. Schließlich wurden Ashley die körperlichen Voraussetzungen genommen, zu einer geschlechtsreifen Erwachsenen heranzuwachsen - wenngleich mit dem Gemüt eines Babys.
"Sterilisation ist eine Nebenwirkung der 'Ashley-Behandlung', nicht ihr Ziel", betonen die Eltern. Dieser Punkt wiegt für sie weniger schwer, als die Möglichkeit, Ashley ihrem mentalen Entwicklungsstand entsprechend versorgen zu können: "Ashley hat dieselben Bedürfnisse wie ein Baby - einschließlich dem Verlangen danach, unterhalten und eingebunden zu werden. Und Stimmen von Familienangehörigen beruhigen sie."
Können Außenstehende so etwas überhaupt nachvollziehen? In ihrem offenen Brief vom Jahreswechsel schreiben Ashleys Eltern: "Unserer Ansicht nach können nur Eltern behinderter Kinder dieses Thema vollständig begreifen." Doch auch Nutzer, die sich selbst als Pflegende behinderter Angehöriger bezeichneten, kritisierten die Ashley-Behandlung:
Nicht mit der "Natur" spielen?
"Oh, mein Gott!", schickte "volvomomof3" voran. Sie sei selbst Mutter eines Fünfjährigen mit den mentalen Fähigkeiten eines Babys, "aber ich würde niemals auch nur so etwas in Erwägung ziehen." Hier versuchten die Mediziner nur wieder, Gott zu spielen. "Das ist falsch, falsch, falsch." Nutzer "KittyKitty" schrieb: "Ich glaube, so eine Aktion widerspricht der Natur von Gott selbst."
Was immer das genau bedeuten mag - das Argument, Ashleys Behandlung sei unnatürlich, kehrt im Forum häufig wieder. "Wir sollten nicht mit der Natur spielen", schrieb etwa "Cassie705".
"Der Einwand, dass diese Behandlung in die Natur eingreift, ist einer der wohl lächerlichsten überhaupt. Die gesamte Medizin greift in die Natur ein", kontern Ashleys Eltern nun in ihrem offenen Brief. Die öffentliche Debatte ihrer schwierigen Lage im Lauf der letzten zwei Monate scheint nicht spurlos an ihnen vorbei gegangen zu sein: "Wir sind überrascht vom Umfang und der Stärke kritischer Kommentare."
So wie der Nutzer mit dem Pseudonym "AL Dad" weisen jedoch auch viele Teilnehmer die Kritiker der Ashley-Behandlung in die Schranken: "Überlegt doch mal, ihr Möchtegern-Steinewerfer ... Was sind denn Zahnspangen, die Entfernung von Muttermalen, Schuhe mit Einlagen (...) anderes, als ein Eingriff in die 'Natur', wie Gott sie geschaffen hat? Legt eure Steine wieder hin."
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