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Küstenschutz Kampf um die Deiche

2. Teil: Lesen Sie im 2. Teil: "Hinterm Deich wird es immer unsicherer"

Statt, wie Wissenschaftler empfehlen, die Deiche baldmöglichst erhöhen zu lassen, vertrösten Niedersachsens Regierende das plattdeutsche Küstenvolk lieber auf später. Falls sich zeige, dass der Meeresspiegel wirklich so schnell ansteigt und Sturmfluten so häufig auftreten, wie es Forscher prognostizieren, bleibe immer noch "hinreichend Zeit für eine dann erforderliche Nacherhöhung", beruhigt etwa Rainer Carstens die Gemüter.

Unabhängige Experten wie der Bremer Deichgraf Michael Schirmer halten die Behauptung, bei heraufziehenden Krisenlagen ließen sich die Deiche einfach noch mal um einen Meter erhöhen, für praxisfern. Schließlich hätten es die Niedersachsen "in 30 Jahren nicht einmal geschafft, ihren alten Generalplan Küste umzusetzen" – noch immer seien von den einstmals vorgesehenen Maßnahmen "30 Prozent nicht abgearbeitet".

Deicherhöhungen erfordern Zeit. So gibt Schirmer zu bedenken, dass höhere Deiche schließlich auch breiter sein müssen, um Wasserstand und Wellen widerstehen zu können. Der Raum hinter dem Deich aber sei oft bebaut oder in Privathand, daher erfordere eine Verbreiterung des Deichfußes oft langwierige Grundstücksverhandlungen.

Wenn der Deich im Boden versinkt

Nicht selten seien einer Deicherhöhung außerdem bodenphysikalische Grenzen gesetzt: Bei unsicherem Grund "wächst mit der Größe des Deichs die Gefahr, dass er im Boden versinkt".

Überhaupt, so gibt auch die Öko-Organisation WWF zu bedenken, sei die "übliche Methode der Verteidigung auf vorhandener Linie", also stetige Deicherhöhung, keineswegs immer der Weisheit letzter Schluss.

Verstärkt müsse schon jetzt über Alternativen nachgedacht werden – von einer zweiten Deichlinie im Hinterland und der Anlage von Entlastungspoldern über die Ausweisung von Gebieten mit unterschiedlichen Schutzstandards bis hin zu Bauverboten in Regionen, die auf Dauer nicht zu halten seien.

Wer einzig auf Deicherhöhung setze, warnt auch der Hamburger Klimaforscher Hartmut Graßl, beschleunige noch die bedrohlichen Entwicklungen an der Waterkant.

"Marschen sind zunehmend überflutungsgefährdet"

Die enge Eindeichung eines Stroms wie der Unterelbe etwa habe in den letzten Jahrzehnten dazu beigetragen, den Tidenhub und damit die Flutgefahr stetig steigen zu lassen, während die permanente Flussvertiefung zugunsten der Hamburger und Bremer Hafenwirtschaft zugleich die Entwässerung des Umlands beschleunige – und damit dessen weitere Absenkung.

Folge: In Norddeutschland liegen "immer mehr Gebiete bis zu zwei Metern unter Null", so dass allein deshalb die Auswirkungen von Deichbrüchen ungleich verheerender wären als in früheren Jahrzehnten. Graßl: "Die Marschen sind zunehmend überflutungsgefährdet."

Ganz zu schweigen von den zusätzlichen Folgen des Klimawandels: Jede künftige Sturmflutwelle, erläutert der Wissenschaftler, "reitet schließlich auf dem gestiegenen Meeresspiegel". Da könnten sich die Norddeutschen noch so sehr freuen, "dass sie wegen der trockenen und warmen Sommer häufiger im Straßencafé sitzen können," sagt Graßl, "gleichzeitig werden ihre Häuser hinter dem Deich immer unsicherer".

Seit dem Abschluss des KRIM-Projekts lässt sich erstmals beziffern, welche Schäden bei einem angenommenen Meeresspiegelanstieg von 50 Zentimetern und einer Erhöhung der Windgeschwindigkeit um 7 Prozent an der Unterweser zu erwarten sind.

Schäden bis zu 22 Prozent des Stadtvermögens

Die "Versagenswahrscheinlichkeit durch Überströmen" der Deiche würde sich in Bremen versechsfachen. Bei Extremereignissen wie dem Sturm "Anatol", der 1998 über Nordeuropa fegte, sei bei dem angenommenen Klima-Szenario mit Vermögensverlusten in Höhe von 2,7 Milliarden Euro allein in den Untersuchungsgebieten an der Unterweser zu rechnen.

Die Einbußen lägen, so die Studie, "zwischen 1 Prozent des Gesamtvermögens der Stadt Bremen und 22 Prozent des Gesamtvermögens der Stadt Wilhelmshaven".

Aus alledem folgt für die Wissenschaftler des KRIM-Projekts, dass "langfristig der derzeitige linienhafte Küstenschutz zu einem raumbezogenen Küstenschutz weiter entwickelt werden sollte" – auch wenn damit "erhebliche Konfliktpotenziale" verbunden seien. Beispiele:

  • Eine Option auf zweite und weitere Deichlinien im Hinterland, die nach niederländischem Vorbild zusätzliche Sicherheit bieten könnten, müsste frühzeitig in der Raumordnungsplanung verankert werden, würde aber Proteste von Anrainern auslösen.
  • Der Bau von Sturmflutsperrwerken wie in London und Rotterdam könnte zwar auch deutsche Großstädte wie Hamburg oder Bremen verstärkt vor Extremwasserständen schützen, würde aber den Widerstand der hanseatischen Hafenwirtschaft herausfordern.
  • Eine offen betriebene Politik, "die Deichhöhen dem dahinter liegenden Schadenspotenzial anzupassen", wäre zwar ökonomisch sinnvoll, würde aber, wie Schirmer einräumt, "gesellschaftliche Standards in Frage" stellen und die Bevölkerung dünn besiedelter Landstriche auf die Barrikaden treiben.

Statt solche politisch riskanten Debatten anzustoßen, begnügen sich Politiker zumeist damit, ihren Wählern Sicherheit vorzugaukeln – so auch Umweltminister Sander, der schlankweg versichert: "Niedersachsen ist für dieses Jahrhundert ausreichend gegen Sturmfluten geschützt."

"Eindrucksvoller lässt sich Protest nicht darstellen"

Die Bürger hören es gern, denn sie wissen es nicht besser – auch weil die Umweltverbände, wie Forscher Graßl kritisiert, die Debatte über die Folgen des Treibhauseffekts lange Zeit "einfach verschlafen" oder "bewusst niedrig gehängt" haben, "um nicht den Kernenergieknüppel zu mobilisieren".

Und weil "Probleme des Klimawandels für den Küstenschutz" auch "im nationalen Mediendiskurs so gut wie nicht erwähnt" worden seien, sei die Bedrohung lange Zeit nicht einmal von der Küstenbevölkerung spontan thematisiert worden, heißt es im KRIM-Abschlussbericht. Selbst in Bremen, bestätigt Schirmer, sei weiten Kreisen der Bevölkerung "völlig unklar, wie die potentielle Gefährdungslage ist".

Doch mittlerweile bahnt sich ein Wandel an – ausgerechnet rund um Cuxhaven, im Wahlkreis des einflussreichen niedersächsischen CDU-Fraktionsvorsitzenden David McAllister.

In der zum Bersten gefüllten Stadthalle des Nordseebades Otterndorf protestierten Anfang des Monats rund 700 Küstenbewohner gegen die zusätzliche Deichbelastung durch Hamburgs Elbvertiefungspläne. "Eindrucksvoller lässt sich Protest nicht darstellen," notierte die ortskundige "Niederelbe-Zeitung".

Nicht nur die anstehende sechste Elbvertiefung zugunsten der stetig wachsenden Container-Riesen weckt die Ängste der Anrainer, deren Landstrich in der Vergangenheit immer wieder mal von Sturmfluten heimgesucht worden ist – auch die Versäumnisse der niedersächsischen Küstenschützer lassen den Zorn wachsen.

Mitten im Deich ein Schildbürgerstreich

Schon seit langem ist der Regierung eine absurde Schwachstelle bekannt: Eine Kanalschleuse bildet die flachste Stelle im gesamten dortigen Verlauf des Elbdeichs. "Links und rechts der Schleuse ist der Deich rund 150 Zentimeter höher," weist Torsten Heitzsch, Geschäftsführer des örtlichen Deich- und Uferbauverbandes, immer wieder auf den Schildbürgerstreich hin – doch nichts passiert.

Und letzte Woche, als im Tiefland nahebei, das ständig künstlich entwässert werden muss, eine betagte Hauptpumpe mit einer Förderkapazität von 7000 Litern je Sekunde plötzlich versagte, wuchs der Unmut. Für eine bereits vor zwei Jahren beantragte neue Pumpe hatte das Land dem Unterhaltungsverband die Bewilligung versagt.

Den Fachleuten in Behörden und Verbänden sind die alten und neuen Küstenschutz-Defizite, natürlich, vertraut. Die 28 norddeutschen Deichgrafen sowie Küstenschutzbeamten und -forscher, die im Zuge des KRIM-Projekts interviewt wurden, gehen beispielsweise mehrheitlich von einem Klimawandel aus. Und das Gros räumte in der anonymisierten Befragung auch die Existenz "lokaler bzw. technischer Risiken" für die Küste ein. Doch trotz dieser Einschätzung zeigen die Küstenschützer ein hohes Maß an Beharrungsvermögen.

"Veränderungs- oder Verbesserungswünsche", so die Studie, äußerte kaum einer. Dafür, so eine häufig vernommene Antwort, seien schließlich die Verwaltungsspitze und die Politik zuständig.

Angst vor Panik und Vertrauensverlust

Je höhergestellt und je politiknäher die Befragten waren, desto weniger zeigten sie sich auch bereit, auf Risiko-Szenarien einzugehen. Wahrscheinlich, so schreiben die Interviewer in ihrem Abschlussbericht, befürchteten diese Befragten, dass "mögliche Aussagen zu Folgen und Risiken von der Öffentlichkeit als ‚bare Münze’ genommen werden und sowohl Panik als auch Vertrauensverlust in den Küstenschutz nach sich ziehen könnten".

Bedrückendes Fazit der KRIM-Forscher: "Die Frage danach, wie im Politikfeld Küstenschutz mit der Möglichkeit des Eintretens eines Extremereignisses einer neuen Größenordnung gegenwärtig umgegangen wird, kann einfach beantwortet werden: Gar nicht, da die politischen Vorgaben im Küstenschutz derzeit nicht auf Szenarioannahmen basieren können."

Dabei hatte die Strategie der Küstenschützer, vorwiegend mit den Messwerten von gestern Sicherheit für morgen zu produzieren, immer wieder dramatisch versagt.

So legte Niedersachsen zwei Jahre nach der Hollandflut des Jahres 1953 ein auf zehn Jahre bemessenes Küstenschutzprogramm auf, das auf einem Sturmflutwasserstand von 5,40 Metern über Normal Null basierte. Der Plan war Makulatur, bevor er umgesetzt war: Schon bei der Sturmflut 1962, die in Hamburg und anderswo mehr als 340 Todesopfer forderte, lief das Wasser bis zu sechs Metern über Null auf.

"Das 100-jährige Ereignis hilft nicht mehr"

Fortan galten an der Nordsee die Hochwassermarken der Hamburger Schicksalsflut als Basis für die Berechnung der "Bemessungswasserstände". Doch auch diese Formel taugte nicht lange. Extremwasserstände und Orkanfluten setzten immer wieder neue Höchstmarken - 1975, 1976, 1981, 1990, 1992 und so fort.

Meteorologen wie Professor Graßl halten seit langem eine Ausrichtung des Küstenschutzes an Jahrhundertfluten für überholt. "Das 100-jährige Ereignis," predigt er, "hilft uns nicht mehr. Das hat ja als Voraussetzung stabiles Klima."

Doch obwohl sich der Meeresspiegelanstieg weiterhin beschleunigt, beharren die meisten Küstenschützer noch immer stolz darauf, Sicherheit mit Hilfe von Pegelwerten exakt "messen" zu können – während die Klimaforscher doch nur über "kalkulierte" Risikodaten verfügten.

Logische Folge, so der KRIM-Befund über die Qualität der "politisch-administrativen Steuerungsprozesse" im Küstenschutz: "Solange eine Sturmflut nicht tatsächlich höher aufläuft als je zuvor, wird demnach ein business as usual als gerechtfertigt angesehen."

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