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Rückstände Die Grundwasser-Zeitbombe aus dem Arzneischrank

2. Teil: Ein neues Krebsmittel zeigt: Es gibt eine grüne Pharmazie. Doch systematisch geht erst ein einziges Land das Problem der Arzneimittelrückstände in der Umwelt an.

Problem erkannt, Problem gebannt? Davon kann keine Rede sein. Die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Das Umweltbundesamt diskutiert zwar "Vorsorgewerte" für Arzneimittelreste und Abbauprodukte im Trinkwasser. Wann diese verbindlich sein werden, weiß aber niemand. Weltweit gibt es noch keine einzige Trinkwasserverordnung, die Medikamentenrückstände berücksichtigt.

Ein Land geht das Problem inzwischen zumindest an: Schweden. "Substanzen, die sich in lebendem Gewebe anreichern können, bereiten uns die größte Sorge", sagt Ake Wennmalm. Er ist Umweltbeauftragter beim Stockholm County Council, das die medizinische Versorgung für 1,9 Millionen Menschen im Umkreis der schwedischen Hauptstadt organisiert.

Wennmalm fürchtet, dass in dicht besiedelten, stadtnahen Gebieten über kurz oder lang medizinisch bedeutende Arzneimittel-Konzentrationen im Trinkwasser messbar sein könnten. "Die gesundheitlichen Folgen einer lebenslangen Belastung selbst mit geringen Konzentrationen von Arzneimitteln vorherzusagen ist kaum möglich", sagt er. "Deshalb sollten die Behörden vorsorglich Maßnahmen ergreifen, um eine Kontamination des Trinkwassers mit solchen Schadstoffen möglichst zu vermeiden."

Gemeinsam mit dem schwedischen Verband der Pharmazeutischen Industrie schufen das Stockholm County Council, die staatseigene Apothekenkette Apoteket sowie andere Beteiligte aus dem Gesundheitssystem eine Punkteskala von 0 bis 9 für die Umweltverträglichkeit von Arzneien, den PTB-Index. "P" steht für Persistenz, die Lebensdauer der Wirkstoffe, "B" für Bioakkumulation, also dafür, wie stark sie sich in Lebewesen anreichern, und "T" für ökologische Toxizität, die Giftigkeit der Medikamente für die Umwelt.

Eine erste unvollständige Liste ist im Internet veröffentlicht. Diclofenac zum Beispiel erreicht den Wert 7. Ibuprofen, ein Mittel mit vergleichbarer Wirkung, bekommt zwei Punkte weniger, es könnte also für Bachforellen verträglicher sein. "Kein Patient sollte ein Arzneimittel minderer Qualität bekommen, nur weil es ökologisch weniger bedenklich ist", versichert Wennmalm. "Aber wenn es medizinisch gleichwertige Alternativen gibt, hoffen wir, dass sich der Arzt künftig für das Mittel mit den geringsten Umweltfolgen entscheidet."

Der Gedanke ist sicher gewöhnungsbedürftig, ein Mittel nicht nur nach seiner Wirksamkeit auszusuchen, sondern auch nach seiner Umweltverträglichkeit. Hermann Dieter, der Toxikologe vom Berliner Umweltbundesamt, findet das schwedische Modell aber durchaus attraktiv. Die verschreibenden Ärzte zu "sensibilisieren" sei sinnvoll, "wenn geklärt ist, welche der beispielsweise zehn und mehr Betablocker zur Behandlung eines Bluthochdrucks später im Wasserkreislauf Probleme bereiten". Selbstverständlich müsse aber "die optimale therapeutische Qualität vorrangiges Kriterium für alle Patienten bleiben".

Natürlich sind nicht nur die Behörden gefragt, wenn es um das Abwenden von Umweltgefahren geht. Vor allem die Pharmaindustrie müsste sich früh um mögliche Umweltgefahren kümmern. "Auf lange Sicht wollen wir erreichen, dass die Pharmafirmen Arzneien entwickeln, die für das Leben im Wasser weniger schädlich sind", sagt Wennmalm.

"Abbaubarkeit" lautet die Zauberformel der Zukunft – in Schweden ebenso wie beim deutschen Forschungsprojekt start (Strategien zum Umgang mit Arzneimittelwirkstoffen im Trinkwasser), das seit 2006 aktiv ist und vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Klaus Kümmerer vom Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene der Universität Freiburg ist federführend beteiligt. Er verweist auf Glufosfamid, ein neuartiges Krebsmittel, das aus einem alten entwickelt worden ist und derzeit klinisch getestet wird. Dieses habe bereits das Potenzial einer "grünen Pharmazie". Das chemische Verändern eines ursprünglichen Wirkstoffs führe "zu einer besseren Aufnahme im Darm und einer besseren biologischen Abbaubarkeit".

Ein Ökosiegel für Arzneimittel? Für die Masse der Medikamente liegt das noch in weiter Ferne. Andreas Hartmann, Fachmann für Produktsicherheit beim Pharmakonzern Novartis, dämpft die Erwartungen: "Vom Ansatz ist das natürlich ein wertvolles Ziel. Aber es sind doch immer noch beachtliche Hürden zu überwinden, wenn man Patienten innovative Arzneimittel zugänglich machen und zugleich das Wohl globaler Ökosysteme gewährleisten will."

Doch die Zeit drängt. Schon heute könnte Abwasser zumindest besser gereinigt werden. Manchmal hilft Ozon, mitunter auch Aktivkohle, und, ganz modern: teure Nanofilter. Am besten konzentriert man sich zunächst auf Orte, an denen besonders viele Medikamente verabreicht werden – etwa auf Altenheime oder Krankenhäuser. So manche Tonne Wirkstoff ließe sich hier mit getrennten Kreisläufen für Toiletten- und Trinkwasser abfangen, sodass sie gar nicht erst in die Kläranlage gelangen würde.

Und schließlich sind da all die Medikamente, die auch dieses Jahr beim Frühjahrsputz den Haushalt verlassen werden – oft über das Klo. Nach einer Umfrage des Frankfurter Instituts für sozial-ökologische Forschung entsorgen 16 Prozent der Befragten nicht verbrauchte Arzneien auf diese Weise. Bei Flüssigarzneien gaben sogar 43 Prozent an, dass sie sie in die Toilette entsorgen würden. Und nahezu 20 Prozent erwiesen sich als wahre Schildbürger: Die flüssigen Arzneimittelreste kippen sie achtlos in die Spüle oder Toilette. Ihre leeren Fläschchen aber landen ökologisch korrekt im Glascontainer.

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