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03.03.2007
 

Supermarkt-Medizin

Bedenklicher Blick ins Blut

Von Wiebke Rögener

Mit Bluttests für Jedermann wollen private Labors ihre Kassen füllen. Ein paar Milliliter sollen reichen, um Zustand und Zukunft eines Menschen zu analysieren. Solche Versprechen sind unseriös, warnen Experten: Die Ergebnisse seien zweifelhaft.

Das Konzept klingt Erfolg versprechend. Man warnt vor einem möglichst bedrohlichen Unheil und bietet dann eine einfache Lösung an. Die Kundschaft lässt garantiert nicht lange auf sich warten. "Allein in den USA wird in diesem Jahr bei 1,4 Millionen Menschen Krebs diagnostiziert. Weitere 17 Millionen werden herzkrank", prophezeit die texanische Biophysical Corporation – und verspricht dem besorgten Publikum ihrer Webseite eine nahezu einmalig große Chance: Für je 3400 Dollar untersucht die Firma das Blut ihrer Kunden in 250 verschiedenen Tests auf Substanzen, die Infarktrisiken, Krebsleiden, Stoffwechselstörungen, Infektionen oder Vitaminmangel anzeigen können. Es ist weltweit wohl das größte Angebot einer Branche, die nicht nur in Amerika gewaltig boomt.

Teströhrchen mit Blut: Für eine Extrasumme bekommt man vermeintlich umfassendere Prognosen auf bequemere Weise
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DDP

Teströhrchen mit Blut: Für eine Extrasumme bekommt man vermeintlich umfassendere Prognosen auf bequemere Weise

Nach einem Blick ins Blut verraten private Diagnosezentren auch in Europa angeblich, wie es um die gesundheitliche Zukunft ihrer Kunden steht. Seit einigen Jahren wächst die Zahl äußerlich kerngesunder Menschen, die in Deutschland auf solche Offerten vertrauen, auf Manager-Check-ups und Gesundheitskontrollen, die man bereits als Gutschein zum Geburtstag verschenken kann. Krankenkassenangebote zur Früherkennung bleiben derweil ungenutzt. Nicht einmal jeder zehnte Berechtigte ließ sich in den vergangenen Jahren etwa zur Krebsvorsorge den Darm spiegeln. Denn für eine Extrasumme bekommt man vermeintlich umfassendere Prognosen auf bequemere Weise.

Darin sehen Experten eine Gefahr: Die Bluttests seien oft unnütz und nicht ohne Risiko, sagt Jürgen Windeler, Leitender Arzt des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen. "Wenn man 250 Laborwerte bestimmen lässt, ist statistisch sehr wahrscheinlich ein pathologisches Ergebnis dabei." Weil Werte in der Regel als normal gelten, wenn sie bei 95 Prozent aller Gesunden anzutreffen sind, liegt rechnerisch jeder zwanzigste Gesunde außerhalb der Norm. Wer ohne Beschwerden zum Arzt geht, um sich nur mal checken zu lassen, wird so schnell vom Gesunden zum behandlungsbedürftigen Patienten.

So schafft der private, "zweite Gesundheitsmarkt" neue Kunden – und wächst stetig: von 4,2 Prozent am Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2000 auf 6,6 Prozent bis 2010, erwartet das Deutsche Institut für Privatmedizin. Der Anteil des ersten, von den Krankenkassen finanzierten Gesundheitsmarkts werde dagegen bei etwas mehr als sechs Prozent stagnieren. Die Hersteller von Diagnosemitteln sehen die Entwicklung ähnlich:

Für das Jahr 2007 erwarten sie ein Umsatzplus von fünf Prozent, zugleich aber ein rückläufiges Geschäft mit den gesetzlichen Krankenversicherungen.

Unter "Individuelle Gesundheitsleistungen", kurz Igel, firmieren die privaten Zusatzangebote, die Ärzte ihren Patienten am Rande der Kassenvorsorge immer häufiger unterbreiten. Die Kasse übernehme nur die Bestimmung von Cholesterin- und Blutzuckerwerten, sagen die Mediziner, dabei seien noch viele andere Blutwerte bedeutsam: Zu den gesuchten Substanzen, Biomarker genannt, gehören Eiweiß- und Zuckermoleküle, die von Krebszellen produziert werden. Homocysteinwerte zählen dazu, die etwas über Herzinfarktrisiken verraten sollen. Antikörper sollen auf Allergien hinweisen. Das prostataspezifische Antigen soll über den Zustand der Vorsteherdrüse genaueren Aufschluss geben als bloßes Abtasten und viel C-reaktives Protein soll Entzündungen anzeigen. Wer wissen will, ob solche Risikomoleküle in seinem Blut kreisen, muss die Untersuchung selber zahlen – auf Empfehlung von Unternehmen wie der Biophysical Corporation am besten alle zwei bis drei Jahre. Wird es also frühzeitige Diagnostik und damit rechtzeitige Therapie bald nur noch für Besserverdienende geben? Und sollten die Kassen nicht auch zum eigenen Vorteil mehr in die Prävention durch Bluttests investieren und so an späteren Behandlungskosten sparen?

Jürgen Windeler bezweifelt das. Früherkennung lohne sich für Patienten nur, wenn es auch eine wirksame Therapie gebe: "Ohne geeignete Handlungsoptionen ist es ja nichts Gutes an sich, wenn ich erfahre, dass ich möglicherweise irgendeine Krankheit habe oder wahrscheinlich bekommen werde."

Ob die ständig wachsende Schar neuer Biomarker wirklich sinnvolle Prognosen ermöglicht, ist aus vielen Gründen ohnehin fragwürdig. So weist etwa das C-reaktive Protein kaum eindeutig auf nur eine einzige Erkrankung hin. Das Eiweiß wird in der Leber gebildet. Ist zu viel davon im Blut, kann sich gerade eine Blinddarm-, Hirnhaut- oder Lungenentzündung entwickeln oder ein grippaler Infekt oder ein Tumor. Hohe CRP-Werte gelten als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und auch bei Rauchern sind die Werte erhöht. Selbst die Hoffnung, anhand von CRP-Werten zwischen einer Virusinfektion und einer durch Bakterien ausgelösten Entzündung unterscheiden zu können, hat sich nach einer Studie niederländischer Forscher nicht bestätigt. Die Bestimmung von CRP im Blut ist daher unsinnig, wenn kein konkreter Verdacht auf eine Erkrankung besteht. Im Rahmen von Manager-Check-ups, Anti-Aging-Profilen oder Immunstatus-Bestimmungen wird der CRP-Test Selbstzahlern trotzdem angeboten.

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