Von Wiebke Rögener
Auch Hormone werden gerne gegen Geld gemessen – etwa Testosteron beim Mann oder Östradiol bei der Frau. Anti-Aging-Diagnostik heißt die Prozedur. Das Altern kann sie nicht verhindern, sondern nur bestätigen, was ohnehin jeder weiß: Mit den Jahren lässt die Produktion der Sexualhormone nach. Krankhaft ist das jedoch nicht und bedarf keiner Behandlung, solange keine starken Beschwerden auftreten.
Als ebenso wenig aussagekräftig hat sich die Bestimmung des sogenannten Rheumafaktors erwiesen. Er ist auch bei vielen Gesunden erhöht, aber längst nicht bei allen Rheumakranken. Spezifischer sind zwar die Antikörper gegen ein Peptid, das bei rheumatoider Arthritis oft im Blut nachweisbar ist. Doch auch dieser Marker allein beweist noch keine Erkrankung. Bei Menschen ohne Symptome ist die Bestimmung daher sinnlos.
Unsinnig, vergebens, ohne Zweck: Die Kritik trifft auf den Nachweis vieler Biomarker zu – auch auf jene, die vor Gefahren für Herz und Kreislauf warnen sollen. Im Rahmen der sogenannten Framingham-Studie, die seit mehr als einem halben Jahrhundert Ursachen für den Herzinfarkt nachgeht, ermittelten amerikanische Mediziner: Selbst wenn zehn Biomarker im Blut gleichzeitig bestimmt werden, erfahren Arzt und Patient dadurch kaum mehr als durch eine herkömmliche Untersuchung. Gemessen wurden unter anderem CRP und verschiedene Peptide, die ein Infarktrisiko anzeigen sollen. Zusätzlich bestimmten die Forscher das Verhältnis von Albumin und Kreatinin im Urin, um die Nierenfunktion zu prüfen.
Das Ergebnis: Viele dieser Moleküle, darunter CRP, sagten überhaupt nichts darüber aus, welche der 3200 Studienteilnehmer einen Herzinfarkt erleiden würden. Bei fünf Markern war zwar ein schwacher statistischer Zusammenhang nachweisbar. Für den einzelnen Patienten aber ist das eine Erkenntnis fast ohne Wert. Denn der Einfluss durch Rauchen, Übergewicht oder einen hohen Cholesterinspiegel ist so viel größer, dass die Biomarker kaum etwas Zusätzliches verraten.
Bevor solche Biomarker individuelle Prognosen gestatten werden, bleibe noch viel zu tun, sagt der Biostatistiker James Ware von der Harvard School of Public Health in Boston. Seine Kritik ist auch auf Bluttests gemünzt, in denen die Aminosäure Homocystein gesucht wird: ein angeblich Infarktrisiken anzeigender Biomarker mit sehr beschränktem Wert, wie die Framingham-Studie zeigt, der aber heute bei kaum einem Manager-Check-up oder einem Vorsorge-Plus-Paket ausgelassen wird. Wenn die Bluttests auf so breiter Basis versagen, können sie dann wenigstens Tumore aufspüren helfen?
Krebszellen produzieren eine Reihe charakteristischer Moleküle, und ein breites Spektrum von Tumormarker-Tests werde mittlerweile "quasi als Schrotschuss" vermarktet, sagt Jürgen Windeler. Einige Praxen werben im Internet für "Krebsvorsorge mit Tumormarkern" in Bezug auf Prostata, Dickdarm, Magen, Leber, Bauchspeicheldrüse, Nieren, Blase und Lunge. Wie viele Menschen von entsprechenden Angeboten Gebrauch machen, ist zwar unbekannt. Fest stehe jedoch, dass es "keine geeignete und sinnvolle Methode der Krebsfrüherkennung" sei, solche Marker im Blut zu bestimmen, sagt die Ärztin Andrea Gaisser vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg. Denn auch diese Marker lassen keine eindeutigen Rückschlüsse auf eine Erkrankung zu. Auch wenn keine Krebstumore im Körper wachsen, können solche Tests erhöhte Werte zeigen und Ängste auslösen.
"Ernsthaft diskutiert wird derzeit eigentlich nur noch der Test auf das Prostata-Antigen PSA", sagt Andrea Gaisser. Dieser seit Jahren umstrittene Test, der wohl am häufigsten angeboten wird, verfeinert die Diagnostik von Prostatakarzinomen. Doch fehle es bisher an Studien, die seinen Nutzen zweifelsfrei nachweisen, sagt die Medizinerin vom DKFZ. "Es werden durch den PSA-Test zwar mehr Tumore frühzeitig entdeckt, aber ob PSA-Reihenuntersuchungen die Sterblichkeit durch Prostatakrebs verringern können, ist nicht sicher." Andere Kritiker mahnen, dass der PSA-Test zur Überbehandlung von kleinen, für den Patienten völlig harmlosen Tumoren führen könne, die ohne den Test niemals bemerkt worden wären.
Noch weniger als vom PSA-Test halten die Experten des DKFZ allerdings von der "vorsorglichen Bestimmung" weiterer Tumormarker bei Menschen, die nicht an einer Krebserkrankung leiden und familiär auch kein besonders erhöhtes Risiko haben. Unauffällige Werte geben nicht einmal Sicherheit, dass der Betreffende kein Krebsleiden hat. Dennoch wird vor allem älteren Menschen gerne eine Blutuntersuchung etwa auf karzinoembryonales Antigen (CEA) zur frühzeitigen Entdeckung von Darmkrebs und anderen Tumoren angepriesen. Andrea Gaisser sagt: "CEA hat in der Früherkennung keinen Stellenwert." Denn CEA kann alles Mögliche anzeigen – vom Tumor in verschiedenen Organen über eine Lungenentzündung bis zur alkoholbedingten Zirrhose. Auch bei Rauchern sind die Werte oft erhöht. Für die Früherkennung von Darmkrebs sei eine Darmspiegelung daher sehr viel aussagekräftiger.
Warum also können solche Bluttests beworben und mit großen Versprechen Hoffnungen geweckt werden? Weil es für Diagnostika kein Zulassungsverfahren gibt wie bei Medikamenten. Wie gut und nützlich die Verfahren sind, ist bislang noch viel schlechter untersucht als der Nutzen und die Nebenwirkungen von Arzneimitteln. Kein Hersteller muss bislang nachweisen, wie groß der Vorteil für die Untersuchten ist und wie häufig die Bluttests in die Irre führen.
"Ich arbeite seit 25 Jahre auf diesem Gebiet und in dieser Zeit hat sich bei der Bewertung von Diagnostika nicht viel getan", sagt Jürgen Windeler. "Man geht nach wie vor ungeprüft davon aus, dass es nicht schaden könne, 'mal nachzugucken'" – und dass mehr Informationen in jedem Fall etwas Gutes seien. Die Gefahr, gesunde Menschen durch einen abweichenden Wert in Angst zu versetzen, oder gar weiteren Eingriffen auszuliefern, "machen sich Ärzte wie Patienten viel zu wenig bewusst". Bei Nachfolgeuntersuchungen zum Beispiel kann durchaus etwas schiefgehen – etwa bei einer Prostatabiopsie aufgrund eines hohen PSA-Werts: Blutungen aus Darm oder Harnröhre oder eine Entzündung können die Folge sein.
Auch wenn erhöhte Laborwerte auf möglichen Eierstockkrebs oder einen Tumor in der Bauchspeicheldrüse hinweisen, sind Eingriffe nötig, um den unsicheren Befund eindeutig zu klären. Wie bei jeder Operation können dabei Komplikationen auftreten. Ob der potenzielle Nutzen dieses Risiko überwiegt, ist jedoch nicht bekannt.
Geschäftskonzepte wie jenes der texanischen Biophysical Corporation mögen Erfolg versprechend klingen, ein prophetischer Blick ins Blut für viele Gesunde noch so verlockend sein angesichts der langen Liste bedrohlicher Krankheiten: Die Risiken derartiger Angebote für den Kunden sind im Geschäftsplan bislang nicht einkalkuliert.
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