Die 600 Einwohner des Dorfs am Ende der Welt haben längst beschlossen, Abschied zu nehmen. Und doch bleiben sie und messen nach jedem schweren Sturm mit dem Maßband nach, wie viel Land das Meere wieder abgenagt hat - und wie nah es jetzt den Häusern der Siedlung kommt.
Shishmaref liegt im US-Bundesstaat Alaska nördlich der Beringstraße. Steht man hier am Strand, kann man nach Norden schauen, wo über den Nordpol hinaus bis zur sibirischen Küste im Osten nichts als arktisches Meer liegt. Früher war es im Winter monatelang zugefroren. Doch seit einigen Jahren fehlt Shishmaref und seinen Bewohnern dieser schützende Eispanzer. Nun treffen die Winterstürme die ungeschützte Küste.
Im Oktober 1997 hatte ein schwerer Sturm Teile der Küste abgerissen. 14 Häuser mussten danach aufgegeben werden. Seitdem nagt das Meer an Shishmaref, die Einwohner packen ihre Koffer. Ende 2004 haben die Bürger beschlossen, dass ihre Häuser ins Landesinnere verlegt werden soll.
Schon im Sommer 2002 hatte US-Senator Ted Steffens in einem Bericht an die Vereinten Nationen berichtet, welche Folgen die globale Erwärmung in den arktischen Gebieten hat:
Überschwemmte Straßen, verschlammte Siedlungen, tote Wälder und Flächenbrände seien heute schon sichtbare Folgen. Noch haben die Bürger von Shishmaref ihren Beschluss noch nicht in die Tat umgesetzt. Dass sie es aber tun müssen, daran besteht kein Zweifel.
Auch Tuktoyaktuk, das nördlichste Dorf auf dem Festland der kanadischen Northwest Territories, wankt. Aufbrechendes Polareis hebt Häuser an, schneidet Versorgungswege ab. Auftauende Permafrostböden bedrohen überall in der Arktis - von Alaska über Kanada bis in die Weiten Sibiriens - die Bewohner. Ganze Siedlungen drohen, im Matsch zu versinken.
Das Meer spült über die Reste des Strandes – und immer öfter auch in die Hütten. Die Bewohner des Dorfes Lateu auf der südpazifischen Insel Tegua (Republik Vanuatu) gehören zu den ersten Menschen, die wegen des Klimawandels ihre Häuser verlassen müssen: Im vergangenen Jahr fingen sie mit Vorbereitungen für die Umsiedlungen an, 300 Meter ins Inselinnere und weiter über den Meeresspiegel. Mit finanzieller Hilfe der kanadischen Regierung sind dort bereits sechs Gemeindebauten entstanden.
Vorher hatten die Bewohner von Lateu jahrelang versucht, ihre Hütten mit Fundamenten aus Korallen gegen das Meer zu schützen. Mittlerweile steige das Wasser bei starker Flut so hoch, dass es bis in die Behausungen laufe, sagte der Bürgermeister Reuben Seluin der britischen Zeitung "Independent". Im Jahr 1993 fingen australische Wissenschaftler an im Rahmen des Projekts Sea Level and Climate Monitoring an zwölf Orten im Südpazifik die Meereshöhe genau zu bestimmen. Sie konnten einen Anstieg von sechs Millimetern pro Jahr messen – bisher insgesamt rund acht Zentimeter. Das klingt zwar nicht nach viel, aber weil auf Tegua im Jahr 1997 ein Tsunami einen großen Teil des weißen Strandes weggespült hatte, sind das Dorf und die Palmen dem Meer ungeschützt ausgeliefert.
Den Anstieg des Meeresspiegels erlebten die Bürger von Lateu am eigenen Leibe. "Ende der Achtziger wurde unser Dorf zum ersten Mal überflutet", sagte Seluin, "jetzt passiert das jeden Monat."
Außer Vanuatu fürchten vor allem Tuvalu und Kiribati um die Zukunft ihrer Heimat. "Unsere Inseln sind flach wie ein Tisch", sagte Paani Laupepa, ein Vertreter Tuvalus im Herbst letzten Jahres. Der Präsident Kiribatis sagte: "Wenn wir davon reden, dass unsere Inselstaaten in zehn Jahren unter Wasser stehen werden, müssen wir einen Ort finden, wo wir hingehen können." Australien weigert sich bislang, pazifische Klimaflüchtlinge aufzunehmen. Neuseeland hatte hingegen signalisiert, dass es bereit sei, Heimatlose von den Inseln aufzunehmen.
In der nordäthiopischen Provinz Tigre buddeln Dorfbewohner während der Trockenzeit ein zwei Meter tiefes Loch in ein ausgetrocknetes Flussbett. Sie suchen verzweifelt nach Wasser. Mit dieser Szene machte Jeffrey Sachs, Direktor des Earth Institute der Columbia University, im Vorfeld des G-8-Gipfels im schottischen Gleneagles deutlich, wie Afrika besonders in der Sahelzone vom Klimawandel betroffen ist.
Beim Treffen von Gleneagles im Juli 2005 hatte Großbritanniens Ministerpräsiden Tony Blair sich vorgenommen, Afrika in den Blick der reichen Industriestaaten zu rücken. Nach Ansicht von Sachs, einem der prominentesten Wissenschaftler, der sich mit den Folgen des Klimawandels auf unterentwickelte Länder beschäftigt, gehören Armut und globale Erwärmung zusammen. Am Beispiel des Dorfes in Tigre schilderte er, wie afrikanische Gemeinden bereits heute darunter leiden.
Der Fluss habe bis vor kurzem ganzjährig Wasser geführt, aus dem die Dorfbewohner sich versorgt hätten. "In Nordäthiopien hat sich der Regenkreislauf, wie in weiten Teilen Afrikas, in den letzten Jahren deutlich verändert", schrieb Sachs im Vorfeld von Gleneagles in der "Süddeutschen Zeitung". Schon im Verlauf der letzten 25 Jahre seien die Niederschläge in der Sahelzone, also südlich der Sahara, merklich zurückgegangen. Der Chef der Uno-Umweltbehörde Unep nannte Ende vergangenen Jahres das Okavango-Delta und die Sümpfe des Sudd im Süden des Sudan als Beispiele für Regionen, denen die Austrocknung droht. Flüchtlingsbewegungen könnten die Folgen sein.
Kaum ein Staat der Erde hat eine höhere Bevölkerungsdichte als Bangladesch, wo 920 Menschen pro Quadratkilometer leben. Und das Entwicklungsland im Delta von Ganges, Brahmaputra und Meghna liegt zudem tief, sehr tief: Rund ein Fünftel der Fläche liegt nicht mehr als einen Meter über der durchschnittlichen Hochwassermarke. Entsprechend schutzlos ist es gegen tropische Wirbelstürme, die durch den Golf von Bengalen nordwärts ziehen. Sie drücken regelmäßig gewaltige Wassermassen in die Flussmündungen – und ergießen Regenmassen über das Land.
Jedes Jahr wird das Land von Überschwemmungen heimgesucht, auch die Hauptstadt Dhaka bleibt nicht verschont. Daher sind die Vorhersagen von Klimaforschern für Bangladesch besonders schlechte Nachrichten, wonach Überschwemmungen um bis zu 40 Prozent zunehmen, Niederschläge heftiger und Stürme ebenso kräftiger wie häufiger werden könnten.
Hier sind nicht einzelne Gemeinden, sondern ganze Landstriche bedroht. "Delta Blues", kommentierte die Wissenschaftszeitschrift "Nature" die Lage Bangladeschs. "Die Folgen des Klimawandels werden nur noch jene Probleme verschlimmern, denen sich die Bevölkerung heute bereits gegenüber sieht", schrieb "Science". Im Besonderen sind das Armut, mangelnde Wasserversorgung – und die stets drohende Überflutungsgefahr.
In den siebziger Jahren hatte die Regierung 7000 Kilometer Deiche und Befestigungen entlang den Flüssen bauen lassen, ohne damit weite Überflutungen verhindern zu können. Die gegenwärtigen Strategien des Katastrophenschutzes in Bangladesch zeigen, wie die Zukunft aussehen könnte: Statt auf Deiche setzten die Behörden auf Evakuierungen. So mussten im Jahr 1998 bei einem der schlimmsten Taifune in der Geschichte des Landes zwar 22 Millionen Menschen ihr Zuhause verlassen – aber nur 700 verloren ihr Leben. Das Wasser steht nach extremen Wetterereignissen allerdings oft wochenlang auf den Feldern armer Bauern.