Von Stefan Schmitt
Er sei Kongressabgeordneter, der dringend wählen müsse, hatte Patrick J. Kennedy den Polizisten gesagt. Jedenfalls geht das aus dem Protokoll der Beamten hervor. Der Neffe des früheren US-Präsidenten John F. Kennedy selbst konnte sich an den frühen Freitagmorgen des 5. Mai 2006 nicht mehr erinnern - obwohl er nächtens in seinen Wagen gestiegen war und damit einen Unfall gebaut hatte. "Ich hatte vorher keinen Alkohol getrunken", sagte Kennedy nach Angaben der "New York Times" am nächsten Morgen. Dafür hatte er etwas anderes intus: Ambien, die beliebteste Schlaftablette der US-Amerikaner.
Spätestens seitdem stehen die sogenannten sedativ-hypnotischen Schlafmittel im Verdacht, in - ebenso seltenen wie exotischen - Einzellfällen seltsame Nebenwirkungen hervorzurufen. Vor "komplexem Verhalten im Schlaf" warnt nun die US-Arzneiaufsichtbehörde FDA (US Food and Drug Administration). "Dazu könnte auch Fahren im Schlaf gehören", teilte die FDA mit. Auf den Beipackzetteln von 13 verschreibungspflichtigen Medikamenten soll in den USA künftig davor gewarnt werden.
Besonders im Rampenlicht steht das marktbeherrschende Ambien. Unter diesem Markennamen vertreibt der Hersteller Sanofi-Aventis in den USA den Wirkstoff Zolpidem als Schlaftablette. Eine Sprecherin von Sanofi-Aventis in den USA sagte der Nachrichtenagentur Reuters, nur weniger als jede tausendste Versuchsperson habe in Studien von Schlafwandeln berichtet. Der Hersteller teilte mit, er sehe "keine signifikanten Veränderungen im Sicherheitsprofil" des Schlafmittels.
Schlafwandeln, Futtern, Autofahren
Ambien zählt in den USA zu den zwanzig meistverkauften Medikamenten. Wie häufig die künftig aufgeführten Nebenwirkungen auftreten, dazu machte die FDA keine Angaben. Allerdings gab es in Medien und Fachkreisen in den letzten Jahren Berichte über seltene, exotische Einzelfälle:
Auch von nächtlichen Telefonaten und gar von Geschlechtsverkehr wurde berichtet, an die sich die Patienten am nächsten Morgen partout nicht mehr erinnern konnten. FDA-Experte Katz hält es für möglich, dass einige solcher Ereignisse nicht von Ärzten und Konstumenten berichtet worden seien - kein abwegiger Gedanke.
"Spekatulär, aber selten"
"Hängen Sie Glöckchen an Ihre Schlafzimmertür. Wenn Sie schlafwandeln, könnte das Geläut sie aufwecken", riet die "New York Times" ihren Lesern im März vergangenen Jahres. In Deutschland wird der Wirkstoff Zolpidem unter dem Markennamen Stilnox vertrieben. "Wir weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Schlafwandeln zwar während der Behandlung mit Stilnox auftreten kann, aber deswegen nicht unbedingt durch Stilnox verursacht sein muss", sagte Judith Kramer, Sprecherin von Sanofi-Aventis in Deutschland.
"Zolpidem ist heute die Nummer eins der verordneten Schlafmittel", sagt Walter Müller, Pharmakologe von der Universität Frankfurt am Main, zu SPIEGEL ONLINE. Er hatte im Jahr 2003 in der Fachzeitschrift "Addiction" festgestellt: Im Vergleich zu den bislang gegen Schlafstörungen verabreichten Barbituraten und Benzodiazepinen ist die Suchtgefahr viel geringer, und auch für Selbstmörder ist der Wirkstoff unattraktiv.
In Anbetracht der höchst seltenen Nebenwirkungen rät Müller zur Gelassenheit: Millionen von Menschen würden weltweit erfolgreich mit dieser Wirkstoffklasse behandelt, ohne eigenwillig schlafzuwandeln. Müller sagt: "Das kling spektakulär, ist aber sehr selten."
Also alles nur viel Lärm um wenig? Tatsächlich, darauf verweisen Experten, führt das US-Haftungsrecht und die dort üblichen immensen Schadensersatzforderungen vor Gericht tendenziell dazu, dass Unternehmen sich gegen alle Eventualitäten absichern. So kontaktierte die FDA die 13 Hersteller sedativ-hypnotischer Medikamente in Sachen Schlafwandeln.
FDA-Neurologe Russell Katz sagte, bis auf eine namentlich nicht genannte Pharmafirma hätten sich alle kooperativ gezeigt. Die FDA sagte auch, kein Patient solle das Medikament ohne ärztliche Konsultation absetzen. Ernst genug, um die Präparate vom Markt zu nehmen, seien die Bedenken jedenfalls nicht.
Schlaftablette weckt Dahindämmernde auf
Dass aber noch nicht jedes Detail der Wirkweise solcher Medikamente bekannt ist, zeigt sich auch an ganz unerwarteter Stelle. Tatsächlich werden dem Wirkstoff des Schlafhelfers Ambien noch ganz andere - heilende - Nebenwirkungen zugeschrieben:
"Wiedergeboren" titelte die Londoner Zeitung "Guardian" im vergangenen September angesichts dieser Veröffentlichungen. Clauss und sein Co-Forscher, der Südafrikaner Wally Nel, hätten schon 150 hirngeschädigte Patienten entsprechend behandelt - und bei 60 Prozent eine Verbesserung feststellen können. "Etwas Seltsames und Wunderbares passiert hier", sagte Nel der Zeitung, "und wir müssen dem auf den Grund gehen."
Dies gilt möglicherweise für mehr als eine unerwartete Wirkung von sedativ-hypnotischen Medikamenten. Die FDA jedenfalls hat die Hersteller zu weiterführenden Studien zu Häufigkeit und Art der überraschenden Effekte aufgefordert. Nach Angaben von Russell Katz hat aber bislang keiner der 13 angesprochenen dies zugesagt.
In Deutschland wird jedenfalls der Beipackzettel von Stilnox gerade verändert, wie Sanofi-Aventis-Sprecherin Kramer zu SPIEGEL ONLINE sagte, "auf unsere eigene Initiative hin".
mit Material von Reuters
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