Von Markus Becker
Cham Dallas und William Bell nähern sich einem Inferno mit Millionen von Toten ganz nüchtern: Sollte eine Atombombe mitten in einer US-Metropole detonieren, "wäre das nicht das Ende der Welt", meint Dallas. "Man kann Schritte unternehmen, um Leben zu retten."
Die beiden Wissenschaftler vom Center for Mass Destruction Defense der University of Georgia haben drei Jahre lang die Auswirkungen von nuklearen Explosionen durchgerechnet, städtische Infrastrukturen durchleuchtet, Krankenhäuser auf ihre Kapazitäten untersucht und Klimadaten analysiert. Das Ergebnis ist nach Angaben der Forscher die bisher detaillierteste frei zugängliche Simulation über die Folgen eines nuklearen Angriffs auf US-Großstädte.
Erst vor kurzem haben Wissenschaftler die globalen Folgen eines Atomkriegs in Asien mit Computermodellen simuliert. Nun folgt die Modellrechnung für die lokale und regionale Ebene. "Die Wahrscheinlichkeit eines atomaren Angriffs auf eine amerikanische Stadt steigt, und die Folgen wären nicht zu bewältigen", sagt Dallas. Die medizinische Infrastruktur der USA, so das zentrale Ergebnis der Simulation, wäre mit den Folgen einer solchen Katastrophe hoffnungslos überfordert.
Meterdicke Schuttschicht und verstrahlte Menschen
Die beiden Forscher haben für vier Städte - New York, Chicago, Washington und Atlanta - die Detonationen zweier verschiedener Atombomben simuliert. Im ersten Szenario kam eine Bombe mit einer Sprengkraft von 20 Kilotonnen TNT zum Einsatz, was in etwa der Nagasaki-Bombe entspricht und wohl auch eine realistische Annahme für eine relativ einfache Nuklearwaffe wäre, wie sie von Staaten wie Nordkorea oder Iran hergestellt werden könnte. Im zweiten Szenario nahmen die Forscher eine 550-Kilotonnen-Bombe an, wie sie etwa Terroristen aus russischen Arsenalen stehlen könnten.
Die Forscher kombinierten die Physik der Explosion mit Daten über das vorherrschende Wetter und die Bevölkerungsstruktur, aufgelöst auf einzelne Häuserblocks. Ein solcher Detailreichtum wurde bisher noch nie erreicht, heißt es in der Studie, die im Fachblatt "International Journal of Health Geographics" erschienen ist. Die Ergebnisse der dreijährigen Kalkulationen sind erschreckend. Ihnen zufolge würde die Detonation einer 20-Kilotonnen-Bombe eine mehrere Meter dicke Schuttschicht in den Innenstädten hinterlassen. Etwa die Hälfte der Bewohner würde sofort sterben, die meisten unter den Trümmern eingestürzter Gebäude. Der größte Teil der Überlebenden bekäme eine tödliche Strahlendosis ab.
Hunderttausende Verbrennungsopfer in den Städten
Während eine 20-Kilotonnen-Bombe vor allem mit ihrer Druckwelle und ihrer Strahlung töten würde, käme bei einer 550-Kilotonnen-Detonation noch eine weitere grausige Komponente hinzu: Viele tausend schwer verbrannte Menschen lägen sterbend in den Straßen oder strömten in die umliegende Krankenhäuser, sofern diese noch existierten.
Die 550-Kilotonnen-Bombe würde die Explosionszone enorm erhitzen und zahlreiche Gebäude verbrennen. "Massenhafte Feuersbrünste würden die Städte verzehren und sich in einem Umkreis von sechs Kilometern um den Explosionsort ausbreiten", schreiben die Forscher.
Mit der Druckwelle, der Strahlung und den Feuersbrünsten wäre das Zerstörungswerk der Atomwaffe aber noch nicht erledigt. Eine 550-Kilotonnen-Detonation in New York würde eine Wolke mit radioaktivem Niederschlag produzieren, die wahrscheinlich in Richtung Osten ziehen und sich über ganz Long Island erstrecken würde. Auf der 190 Kilometer langen, dicht besiedelten Insel gäbe es der Simulation zufolge mehr als fünf Millionen Tote zu beklagen.
Zahlreiche Krankenhäuser wären zerstört
Eine fatale Folge für viele Überlebende: Bei der Explosion in der Innenstadt wären auch die meisten Krankenhäuser entweder zerstört oder kaum noch arbeitsfähig. Auch im Umland wären die Folgen verheerend: Würde eine 550-Kilotonnen-Bombe in der Hauptstadt Washington detonieren, wären noch im 65 Kilometer entfernten Baltimore viele Kliniken betroffen. Insgesamt fiele in einem 30-Kilometer-Umkreis um die beiden Städte jedes zweite Krankenhaus aus, schreiben Bell und Dallas. 57 Prozent der Betten wären verloren, 67.000 Mitarbeiter des Gesundheitssystems - ein Anteil von 62 Prozent - zählten zu den direkten Opfern des Angriffs.
Sowohl in Washington als auch in New York, Atlanta und Chicago seien die Kliniken genau in den Bereichen konzentriert, die eine Atombombe zerstören würde, bemängeln die Forscher. Ein weiterer Schwachpunkt bei der Reaktion auf einen Atomangriff sei die Unfähigkeit des nationalen Krankenhaussystems, die Verbrennungsopfer zu behandeln, die es nach einer 550-Kilotonnen-Detonation gäbe.
Selbst in Atlanta, unter den vier untersuchten Städten am dünnsten besiedelt, würde eine solche Waffe fast 300.000 schwer verbrannte Menschen zurücklassen. "In den ganzen USA gibt es rund 1500 Betten für Verbrennungsopfer", sagt Bell. "Und die meisten sind ständig belegt." Die Kliniken könnten Verbrennungsopfer heutzutage zwar in hoher Qualität, aber nur mit großem Zeitaufwand versorgen. Solange Verbrennungsopfer wie üblich sporadisch einträfen, sei das kein Problem. Anders aber sieht es aus, wenn plötzlich verbrannte Patienten in großer Zahl behandelt werden müssten.
Tausende retten mit einfachen Maßnahmen
Krankenhäuser könnten die Zahl der Toten "dramatisch verkleinern", indem sie ihren Mitarbeitern, auch den nicht medizinisch ausgebildeten, die Behandlung von Verbrennungen zweiten Grades vermittelten. Laut Dallas müsse man sich auf die Verabreichung von Schmerzmitteln und das Reinigen von Wunden konzentrieren, um tödliche Infektionen zu vermeiden. "All das muss im Feld passieren, weil Tausende Opfer es nicht mehr bis zum Krankenhaus schaffen würden."
Dennoch könne man zahlreiche Leben retten. "Bei einer nuklearen Explosion in einer Innenstadt wäre das Bild zwar ziemlich trostlos", meint Dallas. "Aber in weiter entfernten Stadtgebieten könnte man den Anteil der Todesopfer unter den Verbrannten von 90 auf 20 bis 30 Prozent senken, einfach indem man gut vorbereitet ist."
Die Forscher schlagen auch Informationskampagnen vor, damit die Bevölkerung wisse, was im Fall eines Atombombenangriffs zu tun ist. Ein Beispiel sei die radioaktive Wolke: Ein Blick auf die Baumwipfel genüge, um die Windrichtung zu bestimmen und zu wissen, wohin die Wolke zieht. Da die strahlenden Rauchfahnen lang und schmal seien, könne schon eine Fluchtbewegung von zwei bis acht Kilometern senkrecht zur Windrichtung über Leben und Tod entscheiden.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH