Von Kurt F. de Swaaf
"Es hat auf der Erde ebenso viele Pestseuchen gegeben wie Kriege. Und doch finden Pest und Krieg die Menschen immer gleich wehrlos." Als der französische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Albert Camus diese Worte schrieb, hatten sie noch weitgehend Gültigkeit.
In seinem 1947 erschienenen Roman "Die Pest" erzählt Camus die fiktive Geschichte einer verheerenden Epidemie in der nordafrikanischen Stadt Oran. Antibiotika waren damals eine neue Erfindung und nicht weltweit verfügbar. Später erwiesen sich die modernen Medikamente als hochwirksame Waffe gegen den Schwarzen Tod. Die Pest schien bald nur noch eine böse Erinnerung aus dunklen Zeiten zu sein, eine bezwungene Bestie.
Diese beruhigende Vorstellung könnte ein Trugbild sein. Die Pest ist nicht ausgerottet. Der Erreger, das Bakterium Yersinia pestis, lebt normalerweise parasitisch in Nagetieren und Flöhen, die beim Blutsaugen auch Menschen infizieren. Immer wieder kommt es zu kleineren Ausbrüchen der Seuche, zuletzt August bis Oktober 2006 im Kongo. 42 Menschen starben damals an Lungenpest, der gefährlichsten und ansteckendsten Variante der Krankheit. Jährlich werden der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehr als 2000 Pest-Fälle gemeldet. Dank Antibiotika sterben normalerweise nur zehn Prozent der Patienten. Aber das kann sich in Zukunft wieder ändern.
Resistenter Pest-Erreger auf Madagaskar
Bereits 1995 war auf Madagaskar erstmalig ein Erreger-Stamm aufgetaucht, der gegen acht verschiedene antibiotikaresistent war. Wissenschaftler des Institut Pasteur in Paris analysierten das genetische Material des Erregers und fanden ein Plasmid, eine zwischen Bakterien austauschbare, ringförmige DNA-Struktur, die den Code für die beobachteten Resistenzen trug. Man taufte den Partikel pIP1202. Der Fall wurde im "New England Journal of Medicine" (1997, Ausg. 337, S. 677-680) beschrieben. Über die Herkunft der Resistenz konnte nur spekuliert werden – bis heute.
In einer aktuell im Online-Fachmagazin "PLoS ONE" veröffentlichten Studie berichten US-amerikanische und französische Forscher über eine besorgniserregende Entdeckung. Die Experten untersuchten Plasmide aus antibiotikaresistenten Salmonellen und stellten fest, dass deren Struktur sehr große Ähnlichkeit mit pIP1202 hat. Ihr Fazit: Die DNA-Partikel haben einen gemeinsamen Ursprung. Sie sind nicht artspezifisch und lassen sich deshalb leicht auf verschiedene Krankheitserreger übertragen.
Der auf Madagaskar entdeckte Yersinia-pestis-Stamm hat seine Resistenz höchstwahrscheinlich von einem anderen, häufiger vorkommenden Keim erworben. "Wir wissen nicht genau, wie dieser Transfer stattgefunden hat", erklärt Mikrobiologe Jaques Ravel vom US Institute for Genomic Research in Rockville (US-Bundesstaat Maryland) gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Aber wenn es einmal passiert ist, kann es wieder passieren."
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