Von Kurt F. de Swaaf
Die Verbreitung von Resistenzen in freier Wildbahn ist an sich ein natürlicher Prozess. Unter bestimmten Bedingungen praktizieren Bakterien einen regen Austausch von genetischem Material, die sogenannte Konjugation. Sie ist gewissermaßen das Gegenstück zur sexuellen Gen-Vermischung bei mehrzelligen Organismen.
Für die extreme Häufigkeit von antibiotikaresistenten Salmonellen und anderen Krankheitserregern ist allerdings der Mensch verantwortlich. Ravel und seine Kollegen bezogen ihre Keime aus handelsüblichen Fleischproben von Rindern, Schweinen, Hühnern und Puten, die im Rahmen des staatlichen Überwachungsprogramms für Antibiotika-Resistenzen der USA untersucht wurden. Der massive Einsatz solcher Medikamente in der konventionellen Tierproduktion hat resistente Bakterienstämme buchstäblich herangezüchtet.
"Übertragung nicht verwunderlich"
Wolfgang Witte, Mikrobiologe des Robert-Koch-Instituts, zeigt sich wenig überrascht von der Entdeckung seiner amerikanischen und französischen Kollegen. "Eine solche Übertragung ist überhaupt nicht verwunderlich", meint der Experte. "Je größer das vorhandene Reservoir von genetischem Material ist, desto wahrscheinlicher wird ein Transfer von Resistenzen auf gefährliche Krankheitserreger." Für Europa sieht Witte zurzeit jedoch keine Gefahr. Der Pest-Erreger kommt hier schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr vor.
Ganz anders dagegen ist die Lage in großen Teilen Afrikas, Asiens und im Westen der Vereinigten Staaten. In diesen Gebieten ist Yersinia pestis in den Nagetier-Populationen weit verbreitet. "Wir haben jedes Jahr eine Handvoll Pestfälle", erklärt Joseph Hinnebusch vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases in den USA. "2006 gab es mehr als 20 Betroffene. Die meisten Patienten genesen, doch vereinzelt gibt es immer noch Todesfälle." Hinnebusch betrachtet die mögliche Übertragung von Antibiotika-Resistenzen auf Yersinia pestis als "potentielles Risiko".
Bekämpfung schwierig, aber nicht unmöglich
In Bezug auf die mögliche Übertragung von resistenzgebenden Plasmiden fand Joseph Hinnebusch vor einigen Jahren eine heiße Spur. Zusammen mit einigen Kollegen gelang ihm der Nachweis eines solchen Prozesses zwischen Yersinia pestis und dem auch bei Menschen vorkommenden Darmbakterium Escherichia coli im Mitteldarm von Flöhen. Bedingt durch die räumliche Nähe hatten die beiden Bakterien-Arten genetisches Material ausgetauscht. Der Plasmid-Transfer gelang in beide Richtungen, schrieben die Forscher im Fachblatt "Molecular Biology" (2002, Ausg. 46, S. 349-354). In der Natur dürften Yersinia pestis, E. coli und Salmonellen in Flöhen oft aufeinander treffen.
Brendan Wren, Pest-Experte an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, rät zur Besonnenheit. "Die Plasmide springen auf allerlei Bakterien über, auch auf völlig ungefährliche Arten", so der Experte. "Es ist aber ziemlich unwahrscheinlich, dass ein einziges Plasmid Yersinia pestis in einen Supererreger mit einer Resistenz gegen sämtliche Antibiotika verwandelt."
Eine Bekämpfung eines solchen Super-Bakteriums wäre schwierig, aber nicht unmöglich. Richtig gefährlich wäre es laut Wren erst, wenn Terroristen resistente Stämme in die Finger bekämen. "Die könnten daraus etwas Grauenhaftes machen."
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