Doch was tun Krebspatienten nicht alles in ihrer Verzweiflung, in dem Wissen, nur noch ein paar Monate, ein, zwei Jahre zu leben? Klinische Studien abwarten - mit dem Risiko zu sterben, bevor DCA, so es denn wirksam ist, eine Zulassung bekommt? Oder jetzt DCA einnehmen - mit dem Risiko, dass es nicht wirkt, womöglich schadet und das Leben noch verkürzt?
Dietger Niederwieser, Chef-Onkologe am Leipziger Uni-Klinikum, glaubt daran, dass die Patienten ihm vertrauen und nicht zu anderen Mittelchen greifen. Jede Krebsart wird mit einem speziellen Medikamentencocktail behandelt. "Und weltweit werden alle möglichen Wirkstoffe verwendet, von denen wir wissen, dass sie wirklich wirken." Gerade in den letzten Jahren seien zahlreiche neue Wirkstoffe entdeckt und erfolgreich getestet worden, so dass man sie einsetzen könne. Nun soll eine altbekannte Chemikalie all diese ersetzen, gar ohne Nebenwirkungen sein?
Der Pharmazeut und einstige BfArM-Präsident Harald Schweim glaubt nicht daran: "Die Substanz wird erfolglos sein." Schon allein, weil sie nicht wirken könne. Das Dichloracetat werde einfach als freie Säure im Magen bleiben und nicht in die kranken Zellen gelangen. Schweim selbst hat vor rund 20 Jahren versucht, mit DCA ein Krebsmedikament herzustellen. Doch es war so ätzend und toxisch, dass er es aufgegeben hat. Auch heute noch sei DCA wohl zu aggressiv, um heilsam zu sein.
"Die Heilversprechen setzen auf den Effekt, dass die Krebspatienten in einer psychischen Notlage sind", so Experte Hagemann zu SPIEGEL ONLINE. Die Kranken hätten zwar ein Recht darauf, sich eine zweite Meinung einzuholen und selbst zu entscheiden, wie sie therapiert werden. "Aber das Nutzen-Schaden-Verhältnis muss ausgewogen sein", so Hagemann. Die Krebskranken bezahlten womöglich für etwas Geld, das nicht einmal wirksam ist und eventuell sogar Schaden anrichtet - statt das Geld in Vorsorge für eine spätere Phase ihrer Krankheit, eine Haushilfe oder psychotherapeutische Beratung zu investieren. Hagemanns Urteil über DCA: "In diesem Fall kann es unterm Strich nicht zum Nutzen des Patienten sein."
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