Von Axel Bojanowski
Was ist Warnung, was Übertreibung? Bislang seien Munitionsverletzungen auf der Ostsee "Einzelfälle" sagte Kai Kehe, Toxikologie-Experte der Bundeswehr. Er wies auf die "besondere Gefahr" bei der Bergung von Munition hin. Für die Küsten bestehe dagegen im Moment kaum eine Bedrohung, weil sich viele Gifte im Wasser schnell verflüchtigten, sagte auch der finnische Forscher Tapani Stipa vom Finnish Institute of Maritime Research in Helsinki. Auch er betonte aber, das Problem sei noch wenig erforscht.
Chaotische Entsorgung, unklare Gefahrenstellen
Die Lage der meisten Munition sei unbekannt, sagte Gutachter Nehring. Die Entsorgung der Munition vor 62 Jahren sei zuweilen chaotisch verlaufen. Größere Mengen Munition seien nicht wie vorgesehen an besonders tiefen Stellen versenkt worden, weil die Bootsführer per Ladung entlohnt worden seien und so schnell wie möglich die nächste Fracht aufnehmen wollten. Entsprechend verstreut lägen die Kampfstoffe am Meeresboden - wo Strömungen und Fischernetze sie weiter verteilten.
Bereits vor 13 Jahren hatten die Ostseeanrainer in einer gemeinsamen Erklärung der Helsinki-Kommission eine großangelegte Suche nach dem gefährlichen Kriegsschrott empfohlen. "Das ist kaum geschehen", rügte Irina Osokina.
US-Aufzeichnungen könnten Aufschluss über unbekannte Munitionslager geben, erklärt Manfred Boese, Präsident des International Institute of Ecological Safety for Baltic and Northern Seas, das die Berliner Tagung organisiert hat. Doch die USA wollten die Dokumente noch mindestens zehn Jahre unter Verschluss halten. "Im Interesse der Sicherheit müssen wir auf die Veröffentlichung der Daten drängen", erklärt Boese.
Sorge um deutsch-russische Ostseepipeline
Angesichts der Munitionsaltlasten finden einige Experten die geplante Verlegung einer 1200 Kilometer langen Erdgasleitung durch die Ostsee von Russland nach Deutschland besonders heikel. Die Betreibergesellschaft Nord Stream hatte vergangene Woche erklärt: Sollte auf der geplanten Trasse Munition gefunden werden, würde die Leitung anderswo verlegt. Sei das nicht möglich, würden "weitere Vorgehensweisen" untersucht.
Um die Bedrohung zu verringern, schlägt Umweltingenieur Koch vor, wenigstens die größten Munitionsdepots zu bergen. Die Tagungsteilnehmer wollen nun die Gefahren genauer beziffern und den Teilnehmern des G8-Gipfels im Juni im Ostseebad-Heiligendamm präsentieren, sagte Boese.
Die Politik müsse sich "dem Munitionsproblem annehmen", sagte Grünen-Politikerin Beer - auch die EU-Kommission. Doch selbst im "Grünbuch Meerespolitik" der EU finden Munitionsaltlasten bislang keine Erwähnung. Bis Ende 2007 wollen die Europäer darin länderübergreifende Verordnungen für Wirtschaft, Umweltschutz, Raumplanung, Fischerei und Tourismus entwickeln - fünf Bereiche, für die sich die zerfallenden Kampfmittel am Meeresgrund als böses Erbe entpuppen könnten.
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