Von Joachim Hoelzgen
Die Electra flog auf Reserve, als sich Earhart erneut meldete: "An Itasca. Wir müssen in Eurer Nähe sein, können Euch aber nicht sehen. Treibstoff ist knapp... Flughöhe 350 Meter."
Auf dem Flugfeld von Howland Island habe "unruhig" ein Empfangskomitee gewartet, schrieb unterdessen Carey. In einem Schuppen waren die Betten schon gemacht. An Bord der "Itasca" suchte man den Horizont mit Feldstechern ab. Wieder war Amelia Earhart zu hören – ein letztes Mal: "Sind auf der Positionslinie 157-337. Fliegen Nord-Süd."
Spionin, Kaiser-Mätresse oder Opfer Außerirdischer?
Von da an herrschte Funkstille im Äther um Howland Island.
Carey wusste um die Sensation und notierte auf dem Block: "Eilmeldung von der 'Itasca'. Amelia abgestürzt." Doch er konnte die Nachricht nicht senden, da die Frequenzen für mögliche Notsignale der Pilotin reserviert waren. AP meldete das Verschwinden Earharts später von Hawaii aus und bezog sich dabei auf Quellen der Küstenwache. Carey aber schrieb trotzdem weiter: "'Itasca' fährt auf der Suche volle Kraft voraus zum nordwestlichen Quadranten."
In mehr als 50 Büchern ist das Schicksal Earharts hin und her gewendet worden. Hollywood drehte einen Film, und Verschwörungstheoretiker lassen nichts aus – von Earharts angeblicher Rolle als Spionin, die aus der Luft nach japanischen Schlachtschiffen spähte, über ihren Part als angebliche Mätresse Kaiser Hirohitos bis hin zur Entführung durch Außerirdische.
Tighar-Chef Gillespie glaubt jetzt erst recht, dass Amelia Earhart nahe an Howland Island vorbeiflog und die Positionslinie weiter in Richtung Süden verfolgte. Dort gab es noch die Atolle Baker, McKean und eben Gardner Island.
Für Gardner Island spreche auch, dass ein Suchflugzeug des Schlachtschiffs "Colorado" meldete, es seien "klar Anzeichen eines Biwaks erkennbar" gewesen. Doch die Beobachtung von Leutnant John O. Lambrecht wurde nicht beachtet – die Insel galt in den Stäben schließlich als nicht bewohnt.
Knochen, ein Schuh - und der geheimnisvolle Funkspruch
Im Kriegsjahr 1940 inspizierten Engländer die Insel und fanden Teile eines menschlichen Skeletts. Außerdem entdeckten sie eine leere Sextantenkiste – und damals schon einen Frauenschuh.
Die Skelettreste wurden zur Untersuchung nach Fidschi gebracht und dort von einem Arzt begutachtet. Tighar förderte den Bericht 1998 in London zu Tage. An der University of Georgia schließlich ordnete ihn die Knochenspezialistin Karen Ramey Burns anhand der Messdaten neu ein. Die Knochen seien einer Frau nordeuropäischer Herkunft im Alter etwa von Amelia Earhart zuzuordnen.
Auch Associated Press wartet mit einer Überraschung auf: Mit Betty Klenck, 84, die als junge Funkamateurin in St. Petersburg (US-Bundesstaat Florida) 1937 eine mysteriöse Meldung auffing – von Earhart? Jedenfalls gibt die alte Dame an, deren Stimme sei ihr von Wochenschauen her bekannt gewesen.
Earhart habe sich mit einem Mann gestritten und ihn aufgefordert, im Flugzeug zu bleiben, da sie sich um das Funkgerät zu kümmern habe. Die Signale hätten an Stärke mal zugenommen, mal seien sie schwächer geworden, so Betty Klenck heute. Was sie in dem Rauschen vernahm, habe sie in einem Schulheft aufgeschrieben und dann ihrem Vater vorgelegt. Der informierte die Küstenwache - wurde aber abgewiesen.
Geisterhafte Sequenzen sind nicht die Sache Ric Gillespies. Eine neue Expedition soll Klarheit bringen – und womöglich menschliche Überreste, die sich per DNA-Analyse abgleichen lassen. "Wir sind nahe dran, alles mit Gewissheit zu klären", verkündet Gillespie.
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