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03.04.2007
 

Umstrittene Abwehr

Experten warnen vor Bushs löchrigem Raketenschild

Von Markus Becker

Experten protestieren gegen die US-Pläne, den Raketenschild auf Europa auszudehnen. Das System würde die Atomwaffen-Machtbalance auf der Welt gefährlich erschüttern - die Regierung Bush nehme gar eine nukleare Katastrophe in Europa in Kauf.

Die Ausgangslage schien günstig für die Regierung Bush. Auf der einen Seite Iran - ein Land, das britische Soldaten kidnappt, an der Atombombe bastelt, Menschenrechte mit Füßen tritt und Israel mit der Auslöschung droht. Auf der anderen Seite die USA, die allein mit technischen Mitteln die westliche Welt vor einer Bombe der Mullahs beschützen können. Behaupten zumindest US-Militärs.

Abschuss einer SM-3-Abfangrakete von Bord eines US-Kreuzers: Die USA wollen den Raketenschild auf Europa ausdehnen
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AP / U.S. Navy

Abschuss einer SM-3-Abfangrakete von Bord eines US-Kreuzers: Die USA wollen den Raketenschild auf Europa ausdehnen

Doch so sehr die US-Regierung sich auch bei ihren Verbündeten bemühte: Die geplante Ausweitung ihres Raketenabwehrsystems auf Europa ist heftig umstritten. Washington will in Tschechien ein hochauflösendes sogenanntes X-Band-Radar stationieren, außerdem in Polen zehn Abfanggeschosse. Das erklärte Ziel: der Schutz der USA und Europas vor ballistischen Raketen aus Iran.

Experten aber halten das Vorhaben für gefährlichen Unsinn, sowohl aus technischer als auch politischer Sicht. Das wurde jetzt bei einer Tagung in Berlin erneut deutlich. Die Fachleute sind nicht nur davon überzeugt, dass der Raketenschild nie vollständige Sicherheit bieten wird - und nur sie zählt im Falle eines Atomangriffs. Sie glauben auch nicht daran, dass die US-Regierung in erster Linie ihr Territorium zuverlässig vor Atomraketen schützen will (geschweige denn das der europäischen Verbündeten).

"Die Gefahr ist fiktiv"

"Die Gefahr iranischer Atomraketen ist fiktiv", sagte Jürgen Altmann, Physiker von der Universität Dortmund. Derzeit sei nicht einmal absehbar, wann der Mullah-Staat über Raketen verfüge, die Atomsprengköpfe tragen können. Auch über Atomwaffen selbst verfügt Iran noch lange nicht. Und nach der Entwicklung einer einfachen Kernspaltungsbombe vom Hiroshima-Typ ginge noch eine Reihe weiterer Jahre ins Land, ehe Iran einen Hightech-Sprengkopf entwickelt hätte, der klein und leicht genug für den Transport auf einer Rakete wäre.

Selbst wenn Iran eines Tages funktionierende nukleare Langstreckenwaffen besäße: "Die Iraner wären kaum verrückt genug, mit einer solchen Waffe einen offenen Angriff auf die USA oder einen ihrer Alliierten zu wagen", sagte Geoffrey Forden, der ebenfalls an der Berliner Tagung teilnahm.

Die US-Raketenabwehr

Das System

AP
Die geplante Raketenabwehr der USA (Ground-Based Missile Defense, kurz GMD) umfasst die Erfassung, Verfolgung und Zerstörung anfliegender Raketen. Die Wurzeln des Programms reichen zurück bis in die fünfziger und sechziger Jahre, als das US-Militär erste Abfangsysteme gegen anfliegende ballistische Raketen entwickelte. Die ersten Versionen ("Project Nike") besaßen eigene Nuklearsprengköpfe, da sie nicht in der Lage waren, eine feindliche Rakete zu rammen. Die Bemühungen während des Kalten Krieges gipfelten in der von Präsident Ronald Reagan initiierten "Strategic Defense Initiative" (SDI), die auch als "Krieg der Sterne" bekannt und verspottet wurde.

Ursprünglich hat sich die Raketenabwehr ausschließlich gegen nukleare Interkontinentalraketen gerichtet, umfasst aber inzwischen auch Abwehrmaßnahmen gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Ballistische Raketen, das Hauptziel des Abwehrsystems, sollen entweder in der Startphase, im All oder kurz nach dem Wiedereintritt in die Atmosphäre abgefangen werden.

Raketen-Flugphasen

Kritik

Was also hat die US-Regierung im Sinn? Forden, Experte für strategische Waffen am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, erkennt in den US-Plänen für eine globale Raketenabwehr nicht nur defensive Zwecke: "Die USA wollen in Zukunft in der Lage sein, konventionelle Kriege gegen nuklear bewaffnete Staaten zu führen."

"Abschreckung ist ein Gefühl"

Das primäre Ziel der Global Missile Defense (GMD) sei nicht, andere Staaten vor Atomangriffen auf die USA oder gar Europa abzuschrecken. Denn die gewaltigen nuklearen Arsenale des Westens seien Abschreckung genug. Vielmehr solle "die Raketenabwehr sicherstellen, dass die USA nicht selbst von Angriffen auf andere Staaten abgeschreckt werden", sagt Forden. Schurkenstaaten mit Atomwaffen sollen das Gefühl bekommen, dass ihr Arsenal wertlos ist.

Das Kalkül: Potentaten wie der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il könnten die Supermacht künftig nicht mehr vorführen, nur weil sie Atomwaffen haben. Das gelte auch angesichts der Tatsache, dass das Abwehrsystem nach Ansicht von Fachleuten prinzipiell nie wirklich funktionieren kann. "Abschreckung ist ein Gefühl", sagt Forden.

Das aber betreffe nicht nur Nordkorea und Iran, sondern auch Russland und China. Auf der Berliner Tagung waren sich die Experten weitgehend einig: Der Raketenschild könnte das Verhältnis des Westens zu Russland und China nachhaltig schädigen und ein neues Wettrüsten auslösen. Insbesondere russische Interessen seien durch die Ausdehnung des Raketenschilds auf Europa direkt bedroht.

"Es ist sicherlich richtig, dass eine Radarstation und zehn Abfangraketen nicht das gesamte russische Atomarsenal obsolet machen", sagte Götz Neuneck vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Blicke man aber einige Jahre in die Zukunft, sehe die Sache völlig anders aus. Insbesondere das langfristige Ziel, die Zahl der Atomwaffen weltweit zu reduzieren, sieht Neuneck gefährdet. Installiere man in Europa ein Raketenabwehrsystem, wären die Russen niemals bereit, ihr Arsenal auf wenige Sprengköpfe zu verkleinern. "Die Globale Raketenabwehr ist das Ende der strategischen Abrüstung."

Das Zauberwort der Experten lautet Zweitschlagsfähigkeit: Das Abschreckungspotential von Atomwaffen beruht darauf, dass ein nuklearer Angriff mit einem vernichtenden Gegenschlag beantwortet würde. Dieses Konzept der "Mutual Assured Destruction" (MAD) hat die Menschheit im Kalten Krieg vor der nuklearen Vernichtung bewahrt - doch es funktioniert nicht mehr, wenn eine Atommacht ihr Drohpotential verliert.

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17.09.2009 von Haio Forler: .

Sie sprechen ein wahres Wort gelassen aus. Welch ein Unsinn, schon 15 Jahre vor einer MÖGLICHEN Raketenbedrohung DEUTSCHLANDS seitens arabischer Länder ein Raketenschild zu stationieren. Und zuuufällig genau an diesen [...] mehr...

13.08.2007 von PowerReader:

Weitgehende Zustimmung meinerseits ! "Divide et impera !" war schon immer die Devise aller mächtigen Reiche dieser Welt. Blos keine ernsthafte Konkurrenz aufkommen lassen. Und ein einiges Europa waere eine [...] mehr...

10.08.2007 von Montanamotor:

Sorry - das tut sie nicht: Die Flugbahn von Raketen, falls denn im Iran jemals welche in Richtung auf Europa abgefeuert werden WÜRDEN, liegt exakt über der Türkei, Bulgarien und Ungarn (SIEHE GOOGLE EARTH!) und eben NICHT über [...] mehr...

10.08.2007 von Heinz Meier:

Hier eine leicht verständliche Erklärung zum Unsinn der Raketenschutzschilde: http://www.endofworld.net/ mehr...

11.07.2007 von Verbalwalze: Pappnasen Hobbystratege

Wer hätte das gedacht? Nur wäre das eben nicht "genau wie der Iran", da der wohl nicht ganz unbegründete Verdacht besteht, dass der Iran gar keine (oder nicht nur) Energiegewinnung durchführen will. Wunder der [...] mehr...

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