Von Markus Becker
Dazu müsse ein Raketenabwehrsystem nicht einmal hundertprozentige Sicherheit garantieren: Es genüge allein der Eindruck, dass die eigene Zweitschlagsfähigkeit herabgesetzt ist. "Sollte sich in Moskau ein solches Gefühl breit machen, wird das Folgen haben", sagte US-Experte Forden. "Die Globale Raketenabwehr würde die bisherige Balance eindeutig destabilisieren."
Moskaus bisherige Reaktionen auf die US-Raketenpläne scheinen das zu bestätigen. Vor einem "unausweichlichen Wettrüsten" hat Präsident Wladimir Putin in seiner berüchtigten Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar gewarnt. Seine Militärs sekundierten mit der Drohung, sich aus dem 1987 geschlossenen Vertrag über atomare Mittelstreckenraketen zurückzuziehen und Atomraketen des Typs Topol-M künftig mit Mehrfach-Sprengköpfen auszurüsten.
Denn um das Abwehrsystem zu überwältigen, hilft ein relativ einfaches Mittel: die Zahl der Sprengköpfe zu erhöhen. Je mehr Atombomben und Attrappen (die in modernen Gefechtsköpfen ebenfalls enthalten sind) auf das Zielgebiet zurasen, umso drastischer sinken die Chancen, alle anfliegenden Bomben abzufangen. "Deshalb wird die Raketenabwehr nicht, wie von den USA behauptet, Staaten vom Bau neuer Atomwaffen abhalten", sagte Neuneck. "Das Gegenteil ist der Fall."
Experten sehen die strategischen Interessen Russlands durch die Raketenpläne für Polen und Tschechien sehr wohl bedroht - auch wenn der frühere Nato-Oberbefehlshaber Klaus Naumann das Gegenteil behauptet. Dem Ex-General zufolge könnten russische Interkontinentalraketen nie von Abfangraketen aus Osteuropa vom Himmel geholt werden, weil sie über den Nordpol in Richtung USA fliegen würden. Etwas anderes zu behaupten, zeuge von "nahezu unglaublicher Unkenntnis" und sei eine "unverschämte Manipulation der Öffentlichkeit", sagte Naumann.
Kritik an Ex-General Naumann
Unter den Experten in Berlin löste das Kopfschütteln aus. "Herr Naumann war mir bis dahin nicht als technischer Experte aufgefallen", sagte der Dortmunder Physiker Altmann. Er hält es durchaus für möglich, dass in Polen stationierte Raketen russische Interkontinentalgeschosse auf dem Weg in die USA abfangen könnten. Wichtiger aber sei das geplante X-Band-Radar in Tschechien: Mit seiner Hilfe können Raketenstarts in Russland umfassend beobachtet werden.
Außerdem könnten die Abfangraketen in Polen auch zu offensiven Waffen umfunktioniert werden - möglicherweise mit nuklearen, auf jeden Fall aber mit konventionellen Sprengköpfen. Wegen der geografischen Nähe würden sie aus Sicht russischer Militärplaner eine große Bedrohung für die eigenen Atomraketensilos darstellen.
Dass der Raketenschild Europa sicherer macht, halten die Fachleute in Berlin für nahezu ausgeschlossen. Im Gegenteil: Sollte Iran eines Tages tatsächlich eine Langstreckenrakete auf die USA abfeuern, könnte ein Abschuss eine nukleare Katastrophe in Europa auslösen. In einem solchen Fall würde man versuchen, die Rakete in der so genannten Boost-Phase abzufangen - noch während ihr Motor feuert und bevor das Geschoss antriebslos, also ballistisch durchs All fliegt.
Gefahr eine Atomexplosion in Europa
Aus Sicht der USA wäre das die beste Variante, weil die Rakete in diesem Szenario unschädlich gemacht wird, ehe sie auch nur in die Nähe Amerikas kommt. Der Nachteil: Bei einem Abschuss während der etwa dreiminütigen Boost-Phase würde die Abfangrakete nur den Antrieb der Rakete treffen. Im günstigeren Fall würde dann ein Trümmerregen auf Europa niedergehen. Im ungünstigeren Fall bliebe der Sprengkopf intakt und würde, je nach Höhe und Geschwindigkeit der Rakete, noch tausende Kilometer weiter fliegen. "Wenn er wie die Hiroshima-Bombe einen Höhenzünder hat, könnte er irgendwo über Europa detonieren", sagte Neuneck.
Das System könne große Teile Europas gar nicht vor iranischen Raketen schützen, weil diese schlicht zu nahe an Iran liegen. Die Vorwarnzeit zwischen dem Start einer Atomrakete und dem Einschlag wäre zu gering. "Die Türkei, Bulgarien, Griechenland und Ostrumänien wären ohne Schutz", sagte Neuneck. Zwar argumentiere die US-Regierung, man könne die Lücke mit Systemen zur Nahverteidigung wie "Patriot"-Raketen schützen. Die Erfolgsaussichten für ein erfolgreiches Abfangen seien aber äußerst gering.
Die Fachleute treten deshalb vehement dafür ein, den Raketenschild - insbesondere in Europa - schnellstens zu vergessen. "Ein Staat wie Iran oder Nordkorea würde ohnehin kaum versuchen, eine Atombombe mit einer Rakete in die USA zu bringen, sondern eher mit zivilen Transportmitteln, etwa an Bord eines Schiffes", sagt Forden. "Gegen so etwas hilft auch die beste Raketenabwehr nicht."

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