"Opfer und Schäden durch Terrorismus werden auch weiterhin niedrig bleiben, wenn man sie mit anderen Formen von Nötigung und Konflikt vergleicht", verrät ein Blick in die Kristallkugel des britischen Verteidigungsministers. Doch die schlechte Nachricht ist: Der Terrorismus bleibt nur deshalb ein Zwerg im Bedrohungszoo, weil er von drastischen neuen Konflikten überschattet wird, die der Welt im Jahr 2037 Kopfzerbrechen bereiten werden.
Ein 50-köpfiges Team um den Konteradmiral Chris Parry hat dem Londoner Ministry of Defense (MoD) eine Analyse der Schlüsselrisiken für die kommenden 30 Jahre vorgelegt. "Eher Wahrscheinlichkeits-basiert als vorhersagend", sei das, was seine Mannen da auf 90 Seiten eingedampft hätten, sagte Parry der Zeitung "Guardian". Er leitet das Development, Concepts and Doctrine Center des Ministeriums.
Weil die am Ostermontag veröffentlichte Studie mit dem Titel "Künftiger strategischer Zusammenhang" ("Future Strategic Context") in erster Linie dazu dienen soll, Großbritanniens Streitkräfte auf die Konfliktszenarien von Morgen vorzubereiten, überraschen viele der - nach Ansicht Parrys - wahrscheinlichen Entwicklungen: Stoff für Zoff, auch bewaffneten, kommt künftig aus immer unterschiedlicheren Ecken.
Zu den eher klassischen Szenarien in "Future Strategic Context" gehören:
Doch viel Platz räumen Parry und sein Team anderen Bedrohungslagen ein, indem sie weniger die Werkzeuge und Akteure von militärischer Gewalt betrachten, als vielmehr deren Nährboden.
Slums, Arbeitslosigkeit - und Antikapitalismus
"Eine düstere Vision der Zukunft", überschrieb der "Guardian" diesen Rundumschlag über ökonomische und politische, aber auch demografische und ökologische Trends. Die Autoren warnen: Im Jahr 2010 wird mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten leben, viele Menschen in Slums. 2035 könnten es bereits 60 Prozent sein, zusammen mit Not und Arbeitslosigkeit ein Treibsatz für soziale Unzufriedenheit.
Besonders in Afrika und dem Nahen Osten werde der Kampf der Menschen um immer knappere Ressourcen weiter zunehmen, fürchten die MoD-Forscher. Die geschätzte Weltbevölkerung von 8,5 Milliarden Menschen im Jahr 2035 würde zu 98 Prozent aus Bewohnern von Entwicklungsländern bestehen - bis dahin würde die Zahl der Menschen im subsaharischen Afrika um 80 Prozent, jene im Nahen Osten gar um über 130 Prozent wachsen. Am Beispiel Saudi Arabiens, dem größten Rüstungskunden britischer Hersteller, orakeln die Autoren düster: "Die Erwartungen einer wachsenden Zahl junger Menschen, viele von ihnen mit heimischer Arbeitslosigkeit konfrontiert, werden nur sehr unwahrscheinlich befriedigt werden" - und das schaffe Zündstoff.
Wer wisse schon, was sich aus einem wachsenden globalen Widerstand gegen den Kapitalismus und das vorherrschende Wirtschaftssystem entwickeln könne? Die Autoren sprechen explizit vom Gedanken der "Umma", der weltweiten islamischen Gemeinschaft. Aber nicht bloß von bärtigen Mullahs und ihrer Gefolgschaft könnte der Widerstand ausgehen.
Krieg der Staaten geht, Konflikt der Klassen kommt
"Die Mittelklassen könnten eine revolutionäre Klasse werden, und jene Rolle übernehmen, die Marx für das Proletariat vorgesehen hatte", schreiben die MoD-Strategen nach Angaben des "Guardian". Ihr Szenario: Aufgerieben zwischen wachsender sozialer Verelendung einerseits und dem schamlosen Leben der Superreichen andererseits verbünden sich die Leistungs- und Wissenseliten, die früher einmal Bildungsbürger und Facharbeiter genannt wurden, zu einem schlagkräftigen Interessenverbund.
Dieser kämpft dann - politisch - für seine eigenen, grenzüberschreitenden Interessen. Überhaupt könnten die Weltbürger ihr Heil in "rigiden Glaubenssystemen" suchen, "inklusive religiöser Orthodoxie und ideologischer politischer Doktrinen".
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