Grenzen, Nationalstaaten, Globalisierung - die Wandlungen der Gegenwart könnten nach Ansicht von Parrys Team eine paradoxe Situation im Jahr 2037 zur Folge haben: Die fortschreitende internationale Integration bringe Kriege zwischen Staaten womöglich völlig zum erliegen. An deren Stelle würden dann "Konflikte innerhalb von Gemeinschaften" treten - Bürger-, Sippen- oder Klassenkriege also. Nicht nur an dieser Stelle klingen die Themen der MoD-Studie wie eine Zusammenfassung des Standardwerks "Die Zukunft des Krieges" des niederländisch-israelischen Politologen Martin van Creveld.
Zum Stil solcher künftiger Konflikte trage nicht zuletzt die Informationstechnologie bei: Von mobiler Kommunikation bis hin zu implantierbaren "Informationschips" könnten Aktivisten so binnen kürzester Zeit "Flashmobs" zusammentrommeln, wütende Massen im Dienste irgendeiner Sache.
Goten und Vandalen - oder doch nur Nostradamus?
Zusammenbrüche des Sicherheitssystems könnten Folgen haben "wie sie das Römische Reich des fünften Jahrhunderts angesichts von Goten und Vandalen sah", zitiert der "Daily Telegraph" die Studie. Die Zeitung betrachtet die Szenarien des Development, Concepts and Doctrine Center indes deutlich skeptischer als der "Guardian". "In diesen holprigen Zeiten würde keine Regierungsstelle Geld für etwas herausrücken, das den Titel 'Alles schön beständig' trägt", lästert Kommentator Craig Brown über Parrys "Untergangs-Prognosen".
Außerdem sei es schon komisch, dass der 50-köpfige Think-Tank ausgerechnet für das Jahr 2037 eine düstere Gewaltwelt zeichne, wo doch der Wahrsager Nostradamus bereits im 11. Jahrhundert exakt für 2038 den Weltuntergang vorhergesagt habe, ätzt Brown. Allerdings, so der "Telegraph"-Kommentator, habe sich diese Nostradamus-Vorhersage ja auch schon in den Jahren 1666, 1734, 1886 und 1943 als gegenstandslos erwiesen.
Wenigstens die Strategie-relevanten Auswirkungen des Klimawandels betreffend, die im 30-Jahres-Papier der Londoner Strategen natürlich nicht fehlen dürfen, scheint kritische Distanz angebracht zu sein: Hier referieren die Autoren das hinlänglich bekannte Szenario einer Abschwächung des Golfstroms durch stärkeren Zustrom arktischen Süßwassers in den Nordatlantik. Sie warnen vor einem möglichen Temperatursturz, "der jenen der kleinen Eiszeit im 17. und 18. Jahrhundert übertreffen könnte".
Aus Filmen wie "The Day after Tomorrow" ist dieses Schreckensbild zwar bekannt, doch jüngste Forschungsergebnisse zeigen in eine andere Richtung. Deutsche Ozeanologen meldeten unlängst: Der Golfstrom scheint stabiler zu sein, als bislang gedacht - ob das auch für den Rest der Welt in den kommenden 30 Jahren gilt, ist freilich ungewiss.
Ausgerechnet zum viel geschmähten Iran, der gerade erst festgehaltene britische Marineangehörige freigelassen und sich über Ostern kurzerhand zum Kernbrennstoff-Massenproduzenten erklärt hat, fällt den Londoner Strategen viel Optimistisches ein: Zwar werde das strategische und auch das wirtschaftliche Gewicht des Landes weiter zunehmen. Doch spätestens Mitte der Vorhersageperiode - also irgendwann nach 2020 - würde der wachsende Anteil junger Iraner Teilhabe an Globalisierung und Vielfalt fordern. Statt Zerstörung und Verderben wähnen Parry und seine Prognostiker hier geradezu eine Blümchenwiesenversion der Zukunft: "So könnte es sein, dass Iran sich fortschreitend, wenn auch mit Stolpern in eine lebhafte Demokratie verwandelt."
stx
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