"Die Zunahme von Übergewicht und Fettleibigkeit stellt vor allem auf Grund der gesundheitlichen Folgewirkungen ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Problem dar", sagte Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU). Ebenso intuitiv nachvollziehbar wie diese Feststellung ist die Forderung, die Seehofer in der "Berliner Zeitung" erhebt: Dem müsse "entgegengewirkt werden". Wie? Noch im Mai will Seehofer Eckpunkte der Bundesregierung mit konkreten Maßnahmen zur Förderung von ausgewogener Ernährung und mehr Bewegung vorstellen. Aber helfen Eckpunkte beim Abspecken?
Das verbale Vorpreschen des Ministers ist eine Reaktion auf einen traurigen ersten Platz: Die Deutschen haben in der europäischen Moppel-Liga den Bauch vorn. Die "Süddeutsche Zeitung" hatte gestern vorab Zahlen aus einer neuen Studie der International Association for the Study of Obesity (IASO) zitiert, die am Sonntag veröffentlicht werden soll. Demnach gibt es in keinem europäischen Land einen größeren Anteil Übergewichtiger als in Deutschland. Nach IASO-Angaben sind in der Bundesrepublik 75,4 Prozent der Männer und 58,9 Prozent der Frauen zu schwer. "Die Zahlen zum Übergewicht sind wirklich extrem hoch, besonders bei den deutschen Männern", sagte Vojtech Hainer, der Präsident der European Association for the Study of Obesity (EASO), SPIEGEL ONLINE.
Bessere Aufklärung und eine umfassende Präventionsstrategie sind nötig, um diesen Trend umzukehren, meint Seehofer. Politik, Wissenschaft, Krankenkassen, Gewerkschaften, Sport- und Elternverbände müssten eingebunden werden.
"Mit simplen Aufklärungsmaßnahmen ist es hier nicht getan", sagte dagegen der Psychologe und Ernährungsexperte Joachim Westenhöfer von der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaft SPIEGEL ONLINE, "das machen wir ja bereits seit Jahrzehnten - mit nicht so durchschlagendem Erfolg, wie die aktuellen Ergebnisse zeigen."
Verhältnis- statt Verhaltensprävention
Der Wissenschaftler forderte, außer auf "Verhaltensprävention" (etwa vorbeugende Ernährungserziehung) auch auf "Verhältnisprävention" zu setzen: Nicht nur die Einstellung des Einzelnen, auch die Umstände müssten verändert werden. Kommunen sollten in Radwege, Freizeiteinrichtungen und Sportunterricht investieren, statt überall zu kürzen. In Schulen und Kindergärten müsse es Gesundheitserziehung geben. "Bislang sind das nur vereinzelte Projektchen", sagte Westenhöfer.
Doch neben den Umständen geraten vor allem die Unternehmen ins Visier, die an der Fettmalaise fett verdienen. "Was an manchen Schulkiosken angeboten wird, ist fast schon Körperverletzung", sagte der stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Zöller (CSU) in der "Berliner Zeitung".
Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast schimpfte in derselben Zeitung ebenfalls: "Unternehmen wie Ferrero verdienen seit Jahren an sogenannten Kinderlebensmitteln, die viel zu fett und zu süß sind", sagte die ehemalige Verbraucherschutzministerin. Nötig seien deshalb Werbeverbote und "eine klare Kennzeichnung von Lebensmitteln, die auf den ersten Blick erkennbar machen, was drin ist". Künast hatte dergleichen schon vor Jahren gefordert - als sie selbst noch das Amt inne hatte, das heute Seehofer bekleidet. Auch in der langen Aufzählung des Ministers fehlt der Verweis auf die Ernährungswirtschaft nicht: Diese müsse in eine umfassende Präventionsstrategie eingebunden werden.
Werbeverbote wie bei Schnaps und Zigaretten?
Hans-Jörg Freese, Sprecher des Bundesärzteverbandes, forderte in der Zeitung die Politiker auf, "wie beim Nichtraucherschutz auch beim Thema Übergewicht und Fettleibigkeit endlich Handlungsbedarf zu erkennen". Der Süßwarenindustrie werde es zu leicht gemacht, Kinder mit Snacks und Schokoriegeln zu verführen.
Ob und welche Produkte in der Werbung beschränkt werden sollen, müsse endlich diskutiert werden, fordert auch Westenhöfer: "Das ist sicher eine Maßnahme, die einen Beitrag leisten könnte." Wie beim Rauchverbot oder der Prävention von Alkoholismus seien Werbeverbote aber nur ein Baustein unter vielen. Die Parallele zur Beschränkung von Schnaps- und Zigarettenwerbung zeigt aber auch, wie schwer und langwierig es ist, solche Maßnahmen politisch durchzusetzen. Zudem hatten deutsche Bundesregierungen in beiden Fällen eher unrühmliche Rollen gespielt - die rot-grüne ebenso wie die jetzige große Koalition.
Eine ebenfalls gestern bekannt gewordene Studie über das Rauchverhalten von Schülerinnen und Schülern zeigt, wie schwierig es ist, ungesundes Verhalten zu ändern: Mehr als zwei Drittel der rauchenden Jugendlichen, die mit dem Rauchen aufhören wollten, berichten von erfolglosen Versuchen - durchschnittlich immerhin von drei Stück.
Forscher Westenhöfer sieht gute Gründe, warum es beim Essen noch schwerer ist, sich vernünftig und gesund zu verhalten. "Die Überflussgesellschaft verlangt uns ein erhebliches Umdenken ab", sagte er, "das einfach gegen den evolutionären Trend geht."
Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte sei Nahrung knapp und körperliche Arbeit im Überfluss vorhanden gewesen. Damals sei es überlebenswichtig gewesen, in sich hineinzustopfen, was zur Verfügung stand, und sich nicht unnötig körperlich anzustrengen. Heute müssten die Menschen lernen, mit Kalorien zu Geizen und sich in Bewegung zu halten. "In unseren Genen ist das einfach ganz anders festgeschrieben."
stx/AFP/ddp
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH