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26.04.2007
 

Mega-Bauprojekte

Auf Rädern übers Meer

Gewaltige Brücken, gigantische Tunnel: Die Menschheit ist fasziniert davon, trockenen Fußes große Wasserflächen zu überqueren. Das größte Mammutprojekt ist eine Unterführung von Sibirien nach Alaska, von dem sich Befürworter wahre Wunder versprechen.

Die Faszination ist von gewissermaßen biblischem Ausmaß: Meerengen nicht mit Schiffen zu überqueren - sondern trockenen Fußes, oder besser Rades. Der Ärmelkanal ist längst untertunnelt, den Weg von Fehmarn nach Dänemark soll man bald auch mit dem Auto zurücklegen können.

Das größte aller Wasser-querenden Mammutprojekte plant nun aber eine Gruppierung aus Russland und den USA: Einen Tunnel durch die Beringstraße, von Sibirien nach Alaska. Vielleicht reiht sich das Projekt aber auch ein in die Realität spektakulärer Bauvorhaben, die nie umgesetzt werden konnten.

Geplant war etwa eine gigantische Brücke von 3,3 Kilometern Länge, um den Süden Italiens mit Sizilien zu verbinden. Aus Kostengründen beerdigte die Regierung Prodi das Projekt.

Bröcklig wie der Stein am Meeresgrund ist auch das Finanzierungskonzept für den Plan, Afrika und Südspanien mit einem Tunnel zu verbinden, Länge: 40 Kilometer. Gegen das Mittelmeer-Projekt sei der Kanaltunnel von Frankreich nach England "ein Kinderspiel" gewesen, sagte ein an der Planung beteiligter Ingenieur. Spektakulär ist der Vorschlag von US-Forschern eine Magnetschwebebahn von London nach New York unter dem Atlantik durchzujagen. Diese Reiseroute dürfte sich in der Realität allerdings nur bei Menschen mit extremer Flugangst wirklicher Beliebtheit erfreuen.

Beim Tunnel durch die Beringstraße geht es aber nicht um einen Weg, Touristen zu befördern, sondern um Warenverkehr: Drei Prozent aller auf der Erde transportierten Fracht könnten eines Tages durch den Tunnel rollen, glauben die Organisatoren. Außerdem möchten die Tunnelbauer auch gleich noch Öl- und Gaspipelines sowie Strom- und Glasfaserkabel verlegen.

"Arbeiter, vereinigt alle Länder"

Die "Interhemispheric Bering Strait Tunnel and Railroad Group" will das Projekt umsetzen. Das Problem ist nur: Keiner weiß so genau, wer dieser Gruppe wirklich angehört.

Bei einer Konferenz mit dem passenden Titel "Megaprojekte für den russischen Osten" wurde kürzlich heftig über das gigantische Vorhaben debattiert. Ein ehemaliger Gouverneur von Alaska, Walter Hickel, jubelte, es sei Zeit, den alten sozialistischen Slogan "Arbeiter aller Länder vereinigt euch" umzuschreiben in "Arbeiter, vereinigt alle Länder".

Ein Beamter des russischen Wirtschaftsministeriums wollte dagegen erst einmal wissen, wer denn das Projekt "TKM-World Link" bezahlen wolle. Doch der 83-jährige Hickel ist überzeugt, dass der Tunnel Geld bringen werde, weil er die Wirtschaft hüben wie drüben in Schwung bringen könne. In Russland erhofft man sich nicht zuletzt eine verbesserte Infrastruktur für die Ausbeutung der Bodenschätze in Sibirien - und verstärkten Handel mit den USA.

Kostenplanung: 65 Milliarden Dollar

65 Milliarden Dollar, schätzen die Befürworter, würde das Projekt verschlingen. Im Verlauf von 20 Jahren sollen nach ihren Vorstellungen viele Tonnen Erde aus dem Untergrund tief unter der Beringstraße gebuddelt werden, so dass am Ende eine Bahnlinie etwa von der Stadt Wales in Alaska bis nach Uelen an der sibirischen Ostküste gebaut werden könnte.

109 Kilometer lang müsste der Tunnel sein - mehr als doppelt so lang wie der Kanaltunnel, der Frankreich und England verbindet und bis zu 70 Meter unter dem Meeresgrund liegt. Der Bering-Tunnel soll bis zu 80 Meter unter dem Boden der Beringstraße verlaufen. Angeblich haben japanische Unternehmen angeboten, das Graben zu übernehmen - für 60 Millionen Dollar pro Kilometer. Vorbild Eurotunnel wurde ebenfalls einst als Hirngespinst belächelt.

Schwarze Zahlen in 30 Jahren

Innerhalb von 30 Jahren könnte das Projekt profitabel werden, hoffen die Tunnelfreunde. Von den Gesamtkosten von 65 Milliarden Dollar sollen nur 10 bis 12 Milliarden in den Tunnelbau selbst fließen - der Rest werde für die Verbindungen zum bestehenden Straßen- und Schiennennetz gebraucht, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg.

Die nächste größere Straße auf der US-Seite liegt bei Fairbanks - 1000 Kilometer vom geplanten Tunnelende entfernt. In Russland liegt die nächste ernstzunehmende Verbindung zum Straßennetz sogar 1500 Kilometer weit weg, vom Schienennetz ganz zu schweigen. Bloomberg zufolge arbeitet die russische Eisenbahngesellschaft an einem 3500 Kilometer langen Streckenabschnitt zwischen Yakutsk und Uelen. Auf der US-Seite müssten von Angora in Alaska bis Fort Nelson in Kanada knapp 2000 Kilometer Schienen verlegt werden.

Die Tunnel-Idee an sich ist schon über 100 Jahre alt: Der letzte Russische Zar, Nicholas II., wollte auch schon eine Röhre nach Alaska graben lassen. 1867 hatte Russland Alaska an die USA verkauft, für einen Spottpreis von 7,2 Millionen Dollar. 1905 wollte Zar Nicholas Alaska durch die Röhre wieder näher an sein Reich heranholen - aber der heraufziehende Erste Weltkrieg machte alle Pläne zunichte.

Tunnel-Idee erlebt Renaissance

In Russland ist die Idee schon vor einigen Jahren wieder in Mode gekommen. Vladimir Breschnew, Chef des russischen Baukonzerns Transstroi, hatte etwa im Jahr 2005 gemeinsam mit Kollegen im Fachblatt "Tunnelling and Underground Space Technology" eine kurze Machbarkeitsstudie veröffentlicht (Bd. 20, S. 595). "Es gibt unter Tunnelspezialisten keinen Zweifel, dass die Implementierung der beschriebenen Tunnel technisch möglich ist", schrieben Breschnew und seine Kollegen damals. Bei der Konferenz war der Ingenieur wieder dabei - und trommelte mächtig für den Bau.

"Vielleicht werden nicht alle von uns daran beteiligt sein", sagte er, "aber als Ingenieur würde ich mir wünschen, ich könnte dabei sein." Für beteiligte Unternehmen wäre das Projekt selbstverständlich eine Goldgrube, insofern ist Breschnews Enthusiasmus zu verstehen. Schon eine ordentliche Machbarkeitsstudie für das Projekt würde zwei Jahre und 120 Millionen US-Dollar kosten, teilten die Konferenz-Organisatoren mit.

Nach den hochfliegenden Ankündigungen des Projektes in der vergangenen Woche sah die Situation für das Tunnelbau-Konsortium bei dem Moskauer Treffen am Dienstag nicht mehr rosig aus. Im Vorfeld hatten kanadische Beamte zu Protokoll gegeben, sie wüssten nichts von einem derartigen Projekt. Auch ein Vizepräsident der staatlichen Gesellschaft Transneft, die die Ölpipelines Russlands kontrolliert und von den Tunnelbefürwortern als Partner angegeben worden war, sagte der Londoner "Times" vergangene Woche: "Ich habe von diesem Plan noch nie gehört. Wir müssen zunächst ohnehin unsere Ölfelder in Sibirien entwickeln."

Kühle Reaktionen aus Industrie und Politik

Merkwürdig, angesichts der Tatsache, dass das Transneft-Logo laut Associated Press auch auf eine offizielle Erklärung der Befürworter gedruckt war - unter anderem neben denen eines Energieversorgers und des Handelsministeriums.

Auch ein Vertreter der russischen Behörde für Sonderwirtschaftszonen bremste bei der Konferenz: Sein Ministerium würde nur dann in das Projekt investieren, wenn sich auch private Investoren definitiv auf eine Beteiligung festlegten. Ein hoher Wirtschaftsberater von Präsident Wladimir Putin und der russische Eisenbahnminister hatten bereits angekündigte Auftritte bei der Konferenz in letzter Minute abgesagt.

Die Befürworter verlegten sich prompt auf Appelle. Sie verfassten einen Aufruf an die Regierungen Russlands, der USA, Chinas, Japans und der EU, das Projekt in ihre wirtschaftlichen Entwicklungsstrategien einzubeziehen. Beim G8-Gipfel in Heiligendamm im Juni könne man doch über den Tunnelplan sprechen.

cis/AP

Korrektur: Aufgrund eines Redigierfehlers hieß es in der ersten Version des Textes, die Regierung Berlusconi habe das Projekt Sizilien-Brücke beerdigt. Tatsächlich war es aber die Regierung Prodi. Zudem hieß es, Bering- und Kanal-Tunnel verliefen in einer Tiefe von 70 beziehungsweise 80 Kilometern. Dabei handelt es sich natürlich um Meter, nicht um Kilometer. Wir haben den Text entsprechend geändert und bitten den Fehler zu entschuldigen .

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