Göttingen - An der Universität erhalten künftige Geistliche römisch-katholischer und evangelischer Konfession eine Einführung in die historische Kritik der Bibel. Sie erlernen die beiden Sprachen, in denen sie verfasst ist - Hebräisch und Griechisch -, um die Texte im Original lesen zu können. In Seminaren und Vorlesungen, die dem Studium der biblischen Bücher gewidmet sind, erfahren sie, dass die im Alten Testament erzählte Geschichte Israels nicht mit dem historischen Ablauf verwechselt werden darf und dass ebenso im Neuen Testament die Frühgeschichte der Kirche nicht zuverlässig dargestellt wird.
Ferner gehört zum Grundwissen, dass von den Personen der Bibel historisch nur wenig Sicheres bekannt ist. Die einzige Ausnahme ist der Apostel Paulus, von dem sieben echte Briefe erhalten sind. Indes kommt er als historischer Zeuge für Jesus von Nazareth nicht in Frage, denn darüber, was der historische Jesus gesagt und getan hat, äußert Paulus sich kaum.
Die Skepsis im Umgang mit den Berichten der Heiligen Schrift hat sich im Zuge einer eindrucksvollen Forschungsgeschichte herausgebildet und ruht heute auf einem breiten Konsens. Sie ist auch darin begründet, dass die vier Evangelisten unbekannt sind und nicht zur ersten Generation der frühen Christen gehören. "Markus" hat das älteste Evangelium geschrieben. Der Verfasser des Lukasevangeliums unterscheidet zwischen zahlreichen Evangelien und den mündlichen Berichten von Augenzeugen der ersten Generation und betont, er wolle andere Evangelien durch sein Werk verbessern. Durch den Vergleich seines Opus mit dem Markusevangelium kann man die Durchführung seines Vorhabens genau verfolgen.
Aber auch "Matthäus" hat, unabhängig von "Lukas", das Markusevangelium verarbeitet. Das Johannesevangelium gilt allgemein als jünger als die anderen Evangelien und hat deren Erzählstoff nachweislich an vielen Stellen legendarisch erweitert. Daher die Regel, dass bei einer Auswertung dieses Evangeliums für die Frage nach dem historischen Jesus von vornherein große Vorsicht geboten ist.
Benedikt XVI. lobt in seinem neuen Jesusbuch die historische Methode in höchsten Tönen und streicht die Notwendigkeit ihres Gebrauchs heraus. Denn der biblische und christliche Glaube beziehe sich wesentlich auf wirkliches, einmaliges historisches Geschehen, das von der Zeitlosigkeit des Mythos strikt zu unterscheiden sei. Doch der Beifall mündet bald in einen warnenden Hinweis, dass die historische Methode bei der Anwendung auf biblische Schriften Grenzen zu respektieren habe.
Die sonst bei der historisch-kritischen Arbeit gültigen Gesetze gälten bei der historisch-kritischen Bibelexegese nur eingeschränkt, umso mehr, als der biblische Text gemäß kirchlicher Lehre von Gott inspiriert sei. Erst der Glaubensentscheid erkenne den tiefen Einklang der neutestamentlichen Jesusbilder, deren große Differenzen die historische Kritik herausgearbeitet habe. Diese Vorentscheidung sei in historischer Vernunft gegründet und nehme den Einzeldokumenten der Bibel nichts von ihrer Originalität - eine erstaunliche Aussage!
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