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Papst Benedikts Jesus-Buch "Eine peinliche Entgleisung"

3. Teil: Das päpstliche Unternehmen erweist sich als Holzweg

Eine Überprüfung des päpstlichen Unternehmens erweist dieses schon anhand einiger Stichproben als Holzweg:

Erstens: Angesichts der Abfassungsdaten und -verhältnisse der vier Evangelien darf man ihnen in ihrer vorliegenden Gestalt keineswegs historisch trauen und schon gar nicht dem jüngsten, an vielen Stellen sekundären Johannesevangelium. Es ist ferner Unsinn, die Existenz von unechten Jesusworten in den neutestamentlichen Evangelien zu bestreiten, auch wenn die Inspirationslehre das verlangt.

Zweitens: Frühe Christen, deren Namen wir ebenso wenig kennen wie die der vier Evangelisten, haben weite Teile des Stoffes der Evangelien geschaffen. Erst ihre schöpferische, mit innerer Überzeugung verbundene Tätigkeit - nicht aber ein großes Ereignis am Anfang - hilft, die rasante Ausbreitung des frühen Christentums zu verstehen, und erlaubt eine Erklärung der vielfältigen Spannungen zwischen den Inhalten der Evangelientexte.

Drittens: Die wissenschaftliche Jesusforschung ist zu dem Ergebnis gekommen, dass unter den überlieferten Jesusstoffen am ehesten Gleichnisse echt sind. Gleichnisse sind auf unmittelbares Verstehen angelegt, nicht aber auf Unverständlichkeit, um andere Menschen zu verstocken, wie das Markusevangelium behauptet (Kap. 4, Vers 12). Diese Erkenntnis ignorierend sieht Benedikt dahinter irrtümlich das Geheimnis des Kreuzes und das Gottesgeheimnis Jesu durchschimmern, das zum Widerspruch gegen Jesus geführt habe. Der in diesem Zusammenhang gegebene Hinweis auf die tiefste Bedeutung der Gleichnisse Jesu ist Tiefenschwindel, weil er die auf Verständlichkeit zielende Gleichnisrede ignoriert und eine überwunden geglaubte allegorische Auslegung der Gleichnisse wieder hoffähig macht.

Viertens: Jesus hat sich nicht als Gott verstanden. Als jemand ihn als "guten Lehrer" anredet und fragt, wie ewiges Leben zu erben sei, beginnt Jesus seine Antwort mit dem Satz: "Niemand ist gut als Gott allein" (Markusevangelium, Kap. 10, Vers 18). Aussagen wie diese, die nicht durch theologische Exegese umgebogen werden können, behandelt der Papst nicht, da sie seiner Grundthese offenkundig widersprechen.

Sammlung gottesdienstlicher Meditationen

Als Ganzes ist das päpstliche Jesuswerk entgegen dem Anspruch seines Verfassers kein historisches Buch, sondern eine Sammlung von gottesdienstlichen Meditationen über die Gestalt Jesu, ergänzt um Ausflüge in die neutestamentliche Wissenschaft. Einige dieser Meditationen grenzen sogar an Kitsch: "Was am brennenden Dornbusch in der Wüste des Sinai begann, vollendet sich am brennenden Dornbusch des Kreuzes" (Seite 178); "Wer wachen Auges in die Geschichte blickt, der kann diesen Strom sehen, der von Golgatha her, vom gekreuzigten und auferstandenen Jesus her durch die Zeiten fließt. Er kann sehen, wie dort, wo dieser Strom ankommt, die Erde entgiftet wird, wie fruchttragende Bäume heranwachsen, wie Leben, wirkliches Leben aus diesem Quell der Liebe fließt, die sich geschenkt hat und schenkt" (S. 290-291).

Wäre nicht der Papst der Verfasser dieses Buches, würde es von akademischen Exegeten nicht oder doch nur als eine peinliche Entgleisung zur Kenntnis genommen werden und in kirchlichen Buchläden bald verstauben. Da in ihm der oberste Pontifex der römisch-katholischen Kirche die Vernunft vor den Karren des Glaubens spannt, muss - auch stellvertretend für alle Katholiken, die historisch-kritische Exegese betreiben - der intellektuelle Skandal eines solchen Vorgehens angeprangert werden. Écrasez l'infâme!

Dr. Gerd Lüdemann ist Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums an der Theologischen Fakultät der Georg-August-Universität in Göttingen. Im Juli erscheint sein Buch: "Das Jesusbild von Benedikt XVI. Über Joseph Ratzingers kühnen Umgang mit den biblischen Quellen", Verlag zu Klampen.

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