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Intuition Die Macht des Unbewussten

3. Teil: Forscher versuchen, der Intuition per Kernspintomograf auf die Spur zu kommen

Bleibt die Frage: Worin ist jeder Einzelne besonders geübt? Auf welchem Feld kann er seinen unbewussten Kenntnissen vertrauen? Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Kaum ein Gebiet des Alltagswissens ist bekannt, in dem nahezu alle Menschen Experten sind – mit Ausnahme der Erkennung von Gesichtern. Bis auf die Minderheit sogenannter Gesichtsblinder können Menschen in den höchst komplexen Mustern der Mimik ihrer Mitmenschen sehr exakt lesen und ihr jeweiliges Gegenüber blitzschnell einschätzen. Wie schnell und präzise, hat die Psychologin Nalini Ambady von der Harvard University in Cambridge gezeigt. Sie filmte Schulstunden, erstellte Videoclips ohne Tonspur von nur zwei Sekunden Dauer und ließ dann Probanden anhand der Mimik und Gestik einschätzen, wie aufmerksam, warmherzig, dominant, optimistisch, ehrlich, professionell und ermutigend die Lehrer waren.

Resultat: Das Blitzurteil deckte sich weitgehend mit dem, das Schüler am Ende eines kompletten Halbjahrs abgegeben hatten.

Wie das Gehirn bei solch einer Intuitionsleistung vorgeht, wie es Muster erkennt, selbst wenn sie – etwa im Fall individueller Gesichtszüge – mehr oder weniger variantenreich und unvollständig existieren, diese Frage stellte sich Kirsten Volz am Max-Planck-Institut für Kognitionswissenschaften in Leipzig. Volz suchte die Intuition mithilfe eines Kernspingeräts, das die Gehirnaktivität ihrer Probanden darstellt. In einem Experiment projizierte sie für jeweils 400 Millisekunden unvollständige Bilder von Alltagsgegenständen auf die Brillen, die ihre 15 Probanden in der Kernspinröhre trugen. An einigen Stellen waren die Umrisslinien der Gegenstände herausgefiltert, sodass die Objekte wie mit einem Tintenkiller bearbeitet aussahen. Wenn die Probanden ein Objekt erkannten, meldeten sie das per Tastendruck. "Es war dann immer eine bestimmte Hirnregion aktiv, die wir den medialen orbitofrontalen Kortex nennen", berichtet Volz. "Der ist so etwas wie eine Schaltstelle, die ankommende Informationen daraufhin bewertet, ob das Gehirn etwas Ähnliches bereits kennt."

Das Areal, das aus wahrgenommenen Bruchteilen ein Ganzes generiert, liegt ungefähr dort, wo der Haaransatz beginnt. In Volz’ Experiment war diese Hirnregion umso aktiver, je weniger von der ursprünglichen Zeichnung noch zu erkennen war, denn das bedeutete mehr Arbeit für den orbitofrontalen Kortex. Hatte diese Region signalisiert, dass es sich wirklich um einen Gegenstand handelte, wurde eine andere Hirnstruktur aktiv, der Gyrus fusiformis, der für Objekterkennung zuständig ist. Erst danach drückten die Probanden die Taste. Diese Arbeitsteilung zwischen unbewusster und zu Bewusst- sein kommender Aktivität beschleunigt die Entscheidungsfindung, weil der Gyrus fusiformis auf das abgesunkene Wissen im orbitofrontalen Kortex zurückgreifen kann.

Diese schnelle, Muster interpretierende und konstruierende Hirnaktivität wird umso wichtiger, je komplexer die Umgebung ist und je mehr unzusammenhängende Informationen auf den Menschen einstürmen. Ohne sein verborgenes Wissen wäre er heillos überfordert und unglücklich. So stellte der Psychologe Barry Schwartz vom Swarthmore College in Pennsylvania fest, dass intuitive Menschen, die sich vor einer Entscheidung mit wenigen Informationen begnügen können, nicht nur mit ihren Entscheidungen selbst, sondern insgesamt mit ihrem Leben zufriedener sowie selbstbewusster und optimistischer sind als sogenannte "Maximizers", die stets auf der Suche nach genaueren Daten sind. Anders als die intuitiven "Satisficers", wie Schwartz sie nennt, neigten Maximizers eher zur Depression, hätten Selbstzweifel und würden unter ihrem Hang zum Perfektionismus leiden.

Viele solcher Befunde stellen heute den Wert des rein rationalen Kalküls infrage.

Aber ist Intuition, wie Albert Einstein es formuliert haben soll, tatsächlich "alles, was zählt"? Dem schließen sich Psychologen nicht uneingeschränkt an. "Die Frage ist nicht, ob überhaupt, sondern in welchen Situationen wir uns auf Intuition verlassen sollten", stellt Gerd Gigerenzer klar. Und dabei ist die Erfahrung, die ein Mensch auf einem Gebiet bereits gesammelt hat, nur ein Kriterium. Wenn es zum Beispiel gilt, den Blick auf Einzelheiten zu richten und einen Zusammenhang ohne Vernachlässigung der Details herzustellen wie etwa im Beruf des Richters, verbietet sich eine reine Bauchentscheidung von selbst. "Was würden wir zu einem Richter sagen, der zugibt, sein Urteil intuitiv gefällt zu haben?", fragt der Erfurter Psychologe Tilmann Betsch.

Das Problem mit dem Unbewussten nämlich ist: Je nach persönlichen Erfahrungen können die Faustregeln der Intuition auch zu handfesten Vorurteilen werden. So könnte die Intuition einen Richter dazu verleiten, jemanden einer Tat zu verdächtigen, weil dessen Verhalten oder Aussehen ihn an frühere Angeklagte erinnert. Deshalb arbeiten viele Profis dem Übereifer ihres unbewussten Wissens dosiert entgegen: Ein Richter mahnt sich selbst zur Sachlichkeit. Und mancher Maler dreht ein Gemälde auf den Kopf, wenn er Einzelheiten eines Gesichts zeichnen will. So verhindert er, dass sein Gehirn in den wenigen Pinselstrichen sofort ein Ganzes erkennt, statt sich auf den korrekten Schwung der rechten Augenlinie zu konzentrieren.

Wann also sollte der Mensch seiner Intuition vertrauen? Für Alltagsentscheidungen außerhalb von Gerichtssälen, bei denen der Mensch Details vernachlässigen darf, gibt es auf diese Frage eine kurze und klare Antwort: "Immer dann, wenn man auf Wissen aus erster Hand zurückgreifen kann, liegt man mit der Intuition meistens richtig", sagt Betsch. Dann sei die Chance am niedrigsten, dass sich Vorurteile in Form manipulierten Wissens in eine Entscheidung einschleichen.

So sicher, wie jeder aus unverfälschter, selbst gewonnener Erfahrung ein Gesicht lesen kann, so manipulativ kann zusätzliches Wissen aus Büchern oder vom Hörensagen wirken. Eindrücklich zeigte das 1983 John Darley, Psychologe an der Princeton University. Er forderte zwei Gruppen von Probanden auf, spontan ein Mädchen während eines Tests zu beurteilen. "Intelligent, aufgeschlossen und begabt" sagte die eine Gruppe; "gehemmt, schwierig und lernschwach" urteilte die andere. Beide Gruppen hatten vor dem Test andere Informationen über die Herkunft des Mädchens erhalten.

Ähnlich gelagert ist der Fall bei allen Entscheidungen, in der eine Intuition sich Wissensbruchstücken aus zweiter Hand bedienen muss. "Die meisten Japaner würden wohl spontan urteilen, Heidelberg sei größer als Bielefeld", sagt Gerd Gigerenzer. Ihr Wissen über fremde Städte beziehen Touristen aus Reiseführern, und welcher Japaner kennt schon Bielefeld aus eigener Anschauung? Es ist unbekannter, also vermutlich kleiner, lautet der intuitive Trugschluss. Erst Expertise aus persönlicher Erfahrung macht also jene Entscheidungsregel gültig, die Gigerenzer nach Jahrzehnten der Forschung aufgestellt hat, um Intuition und bewusstes Wissen bestmöglich zu verbinden: "Nimm das Bekannte!" Das leuchtet jedem ein, der schon einmal in einem Multiple-Choice-Test über einer Frage gebrütet hat. Die meisten Menschen werden die Antwort ankreuzen, die sie schon irgendwo einmal gehört haben. Doch der Erfahrene hat weit bessere Chancen auf die richtige Lösung.

Er ist besser gefeit vor einer verzerrten Wahrnehmung durch fehlende Bruchstücke seines unbewussten Wissens. Gegen alle anderen Verblendungen, mit denen das Unbewusste die Wahrnehmung verändert, jedoch nicht. So ist, was wir sehen, stets stimmungsabhängig. Wer sich nicht wie ein Richter selbst zur Sachlichkeit mahnt, nimmt, wenn er zum Beispiel traurig ist, "eher Dinge wahr, die zu seinem Gemütszustand passen", sagt Petra Stoerig vom Institut für experimentelle Psychologie der Universität Düsseldorf. Und Stimmungen wie Angst können eine Faktenlage sogar völlig verdrehen: Gerd Gigerenzer hat berechnet, dass nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA 1500 Menschen mehr als üblich in einem Jahr bei Autounfällen starben. Ihr Unterbewusstsein suggerierte den Amerikanern damals, dass Autofahren sicherer sei als Fliegen.

Gegen solche intuitiven Fehlschlüsse helfen nur gute Selbstbeobachtung und Ermahnung zur Sachlichkeit. Einen intuitiven Sensor dafür, ob unsere Wahrnehmung verzerrt ist, gibt es nicht. "Das ist der Punkt, an dem Intuition zur Falle werden kann", sagt Henning Plessner. Und das ist auch der Grund, warum der Mensch besonders leicht in diese Falle tappt, wenn es nicht um einen äußeren Sachverhalt, sondern um ihn selbst geht. So glauben bei ihrer Hochzeit die meisten Paare fest daran, dass sie einen Bund fürs Leben schließen, obwohl den meisten von ihnen die aktuelle Scheidungsrate bekannt ist.

Wenn es um die Liebe gehe, handeln alle Menschen völlig intuitiv, sagt Gigerenzer. Wäre rationales Kalkül hier die bessere Alternative? Er habe nur einen einzigen Menschen getroffen, der dies bei der Wahl seiner Lebenspartnerin versucht habe, sagt Gigerenzer: einen, der alle möglichen Konsequenzen abwog, ihnen Zahlenwerten zuordnete, diese addierte und sich für den höchsten Wert entschied. Der Mann, ein Wirtschaftswissenschaftler, erstellte so eine Rangliste von Kandidatinnen. Die Erstplatzierte heiratete er. Mittlerweile ist das Paar geschieden.

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