Von Stefan Schmitt
Diesmal stützt sich der Optimismus der Wissenschaftler darauf, dass es zwischen dem PHA-4 des Fadenwurms und der Gruppe der Foxa-Gene bei Säugetieren gewisse Ähnlichkeiten gibt: Wenn man durch Manipulationen bei C. elegans einen unabhängigen Lebensverlängerungs-Mechanismus in Gang setzen kann, gelingt das bei Säugetieren wie dem Menschen vielleicht auch? Forscher Dillin betonte, dass es unklar sei, ob ähnliche Gene beim Menschen auch eine ähnliche Rolle spielten. In jeden Forschungsaufsatz dieser Art gehört quasi standardmäßig ein Hinweis auf mögliche Anwendungen bei Säugetieren - schon um Gutachter und Geldgeber zu befriedigen.
Doch selbst ob Hungern beim Menschen ähnliches bewirkt wie beim Tier, ist noch unklar. "Es läuft eine Studie mit Primaten, die schon seit 35 Jahren im Gange ist, und es sieht so aus, als würden die Tiere ganz gut auf die Kalorienreduktion ansprechen und tatsächlich länger leben", sagte Dillin.
Parallele zu Säugetier-Genen
Immerhin: Die Foxa-Gruppe beeinflusst die Bildung des Stoffwechselhormons Glucagon, das die Blutzuckerkonzentration beeinflusst und für die Energiebalance im Körper zuständig ist - besonders beim Fasten. Dieser Umstand ist es, der die Wissenschaftler auf ein Medikament hoffen lässt, mit dem der lebensverlängernde Effekt strikten Fastens hervorgerufen werden kann, ohne dass die Patienten hungern müssen.
Ein interessanter Effekt, aber keiner, der sich übertragen lässt, findet Genetiker Behl. Für den Menschen sei die Arbeit bisher rein theoretischer Natur, betonte auch Mitautor Aguilaniu. Denn die beim Wurm eingesetzten Techniken seien anderweitig nicht anwendbar: Der Einfachheit halber hatten die Forscher ihre klitzekleinen Versuchstiere mit manipulierten Escherichia-coli-Bakterien gefüttert. Diese enthielten RNAi-Schnipsel, das sind Moleküle, die ein ganz bestimmtes Gen herabregeln (oder ankurbeln) können, in diesem Fall eben PHA-4. Bei komplexeren Tieren kann man Gene nicht so einfach steuern. "Die Frage einer Übertragbarkeit auf Säugetiere würde ich nicht so hoch hängen", sagte Behl.
Für Forscher interessant ist die Frage nach der Verträglichkeit von Essen und Altern, die das Experiment aufwirft: Bislang herrschte die Ansicht vor, der Stoffwechsel produziere im Laufe des Lebens "Schadstoffe" (Behl), die zum langsamen Verfall führten. Je weniger davon, desto besser die Aussichten auf langes Leben - daher das Diätgebot. Doch wenn ein unabhängiger Mechanismus existiert, wie das Wurmexperiment es nahelegt, muss das nicht länger gelten.
Dillin und sein Team wollen nun untersuchen, welche Parallelen es bei der Foxa-Gruppe höherer Tiere zu diesem Effekt gibt. "Alle Studien zeigen, dass Nahrungsbeschränkung auf dieselbe Weise bei Würmern wie bei Mäusen und Menschen wirkt", sagte Aguilaniu. Also doch ein Stück Grundlagenforschung, das in weiter Ferne zu einer Methusalem-Medizin, einer Jungbrunnen-Pille und damit zu dreistelligen Lebensspannen führen könnte?
"Ich sehe so etwas ein bisschen kritisch", sagte Altersforscher Behl. "Das impliziert ja: Friss was du willst, du kannst trotzdem lange leben." Und das widerspreche bislang aller experimentellen Erfahrung.
Mit Material von AFP und Reuters
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