Eine braune Linie ist es, auf die sich die Hoffnung der Klimaforscher stützt: Stetig steigt sie an und hat mittlerweile das Dreifache des Niveaus von 1970 erreicht. Es handelt sich um das Einkommen der Menschheit - alles was auf dem gesamten Planeten erwirtschaftet wird. Diese Kurve steigt stärker an als die blauen, roten und grünen Linien im selben Schaubild - die für Energieverbrauch, CO2-Ausstoß und Bevölkerungswachstum stehen: Wachstum und Wohlstand sind nicht auf Gedeih und Verderb an wachsende Emissionen gebunden.
Landwirt (in Australien): Die Vermeidung der schlimmsten Folgen des Klimawandels kostet - aber die Investition lohnt sich
So könnten die Menschen einfach häufiger laufen oder radfahren, statt sich ins Auto zu setzen. Doch dergleichen praktische Hinweise gehörten in Bangkok eher zu den Fußnoten.
Die Empfehlungen des Klimarats zur Vermeidung gefährlicher Folgen der globalen Erwärmung ist ein Konvolut aus Durchschnittswerten, Prognosen und technologischen Einschätzungen: Als Ziel geben die Gutachter vor, dass bis 2050 der CO2-Ausstoß um 50 bis 85 Prozent gesenkt werden müsse. Dazu dürften die weltweiten Emissionen bereits im Jahr 2015 nicht mehr steigen. Dann könnte sich die durchschnittliche globale Erwärmung bis zum Jahr 2100 wohl auf zwei Grad Celsius begrenzen lassen. Welche gegenwärtigen und künftigen Technologien dabei zum Einsatz kämen, listen die Gutachter minutiös auf - viele sind alles andere als exotisch (siehe Kasten).
Ein Tausendstel Einbuße, einige Prozent Kosten
Die Kosten dafür würden 0,12 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts betragen - nur ein Tausendstel der Jahreswirtschaftsleistung des Planeten. Dies ist die zentrale Zahl, die sich in Tabelle sechs der 35-seitigen Zusammenfassung des Dokuments aus Bangkok versteckt: Bis zum Jahr 2050 würde die Weltwirtschaftsleistung also um eben jene 0,12 Prozent pro Jahr vermindert, wenn die Menschen sich auf eine Obergrenze von 445 bis 535 Teilchen CO2 pro Millionen Luftteilchen (ppm) einigten.
| Vermeidungs-Technologien | ||
| Sektor | Schon verfügbar | Bis 2030 verfügbar |
| Energieversorgung | Energieeffizienz, Umstieg von Kohle auf Gas, Kernkraft, erneuerbare Energien, Kraftwärmekopplung, frühe CO2-Abscheidungslösungen | CO2-Abscheidung für Gas-, Biomasse- und Kohlekraftwerke, fortgeschrittene Kernkraft, fortgeschrittene erneuerbare Energien (darunter Tide- und Wellenkraftwerke), fortgeschrittene Solarenergie |
| Tranport | Sparsamere Fahrzeuge, Hybride, sauberere Diesel, Biokraftstoffe, Schienentransport und öffentlicher Personenverkehr, bessere Raumplanung, Radfahren und Laufen | Biokraftstoffe der zweiten Generation, effizientere Flugzeuge, fortschrittliche Elektro- und Hybridfahrzeuge mit besseren Batterien |
| Gebäude | Bessere Tageslichtausbeute und Beleuchtung, effizientere Elektroinstallation, bessere Klimatechnik, optimierte Kochöfen und Wärmedämmung, Sonnenkollektoren zur Temperierung, alternative Kühlmittel, Wiederaufbereitung von Fluorgasen | Integriertes Design von Gewerbeimmobilien inklusive intelligenter Steuereinheiten, integrierte Solartechnologien |
| Industrie | Effizienteres Elektrogeräte, Kraftwärmekopplung, Wiederverwertung und alternative Materialien, Kontrolle des Ausstoßes von Nicht-CO2-Gasen | Fortgeschrittene Energieeffizienz, CO2-Abscheidung bei der Zement-, Stickstoff- und Eisenproduktion, verbesserte Elektroden für die Aluminiumherstellung |
| Landwirtschaft | Besseres Landmanagement für mehr Kohlenstoff-Einlagerung, Rekultivierung, Methan-Reduktion bei Reis und Nutztieren, verbesserter Stickstoffdünger, Nutzpflanzen zur Treibstoffgewinnung, bessere Energieeffizienz | Verbessertes Saatgut mit höheren Ernteerträgen |
| Forstwirtschaft | Wiederaufforstung, Waldmanagement, Verminderung der Abholzung, Einsatz von Forstprodukten bei der Verminderung fossiler Energieträger | Verbesserter Speziesmix bei Bäumen zur Ertragssteigerung, bessere Fernerkundungstechnologien |
| Müll | Methansammeln auf Müllkippen, Müllverbrennung zur Energiegewinnung, Kompostierung organischen Abfalls, Schmutzwasseraufbereitung, Müllvermeidung | Biobeschichtungen und Biofilter zur Optimierung der Methan-Oxidation |
| (Quelle: IPCC) | ||
Der technologische Aufwand für eine solche Selbstbeschränkung bei der Verschmutzung wäre indes ungleich höher. Der Bericht zitiert makroökonomische Kosten für eine Vermeidungsstrategie für alle Treibhausgase (nicht bloß CO2) in der Größenordnung von drei Prozent. Doch ein großer Teil dieser Ausgaben könne auch als Investitionen betrachtet werden - die sich in Form technologischen Vorsprungs schon kurzfristig wieder auszahlen könnten.
Allerdings ist für ein solches Szenario auch ein weltweiter Verschmutzungspreis pro Tonne CO2 notwendig, wie er bislang nur in Europa berechnet wird. "Wenn eine Tonne Treibhausgas zwischen 20 und 50 Dollar (15 bis 37 Euro) kosten würde, werden viele Investitionen (in Technologien mit weniger Treibhausgasausstoß) bereits attraktiv", sagte Bert Metz, Mitglied des Klimarats. Dass dies weltweit politisch durchsetzbar ist, daran zweifeln aber noch viele Experten.
Das Problem der Bangkoker Rechnung: Sie geht nur auf, wenn alle mitmachen. Besonders die Haltung Chinas aber - bald größter CO2-Emittent - lässt daran zweifeln. Auf dem G8-Gipfel im Juni in Heiligendamm müssen zudem die Industrienationen noch eine gemeinsame Haltung zum Klimaschutz entwickeln. Der Erfolg ist offen.
Klimakatastrophe als Kaufmannsrechnung
Die Klimakatastrophe mit einem Kostenvoranschlag zu versehen, demonstriert zwar eine pragmatisch-optimistische Sichtweise. Doch schon der Ausblick über das Jahr 2050 hinaus zeigt: Hier geht es höchstens um grobe Größenordnungen. Für das ehrgeizigste Ziel von 445 bis 535 ppm CO2 in der Atmosphäre werden dann Kosten von 5,5 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung veranschlagt - oder mehr. Das heißt auch: Nur zunächst sind die Kosten der Vermeidung relativ überschaubar. Und mit jedem Jahr des Zögerns wächst besonders die langfristige Rechnung stark an.
Bereits im Herbst hatten Ökonomen um den britischen Regierungsberater Nicholas Stern in einer ökonomischen Analyse die Risiken einer übermäßigen globalen Erwärmung und die Kosten der Vermeidung analysiert. Ihr Fazit lautete damals: Geschieht nichts, droht eine Wirtschaftskrise wie zuletzt in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Mit Investitionen von einem Prozent der jährlichen Wirtschaftleistung hingegen lässt sich das Schlimmste noch verhindern. Zu ähnlichen Ergebnissen waren zuvor bereits Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung gekommen.
Ähnlich wie im Stern-Report erscheint auch im dritten Teil des IPCC-Berichts die Vermeidung übermäßiger globaler Erwärmung als ökonomisch durchaus realistischer Mix aus Technologieförderung und schärferer Umweltgesetzgebung - wenn diese sich weltweit auswirken. So blieben auch die Appelle an die Weltuntergangsfurcht in Bangkok nicht aus. Ogulande Davidson sagte schlicht: "Wenn wir so weitermachen wie bisher, kommen wir in Teufels Küche."
stx/ap/dpa
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