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08.05.2007
 

Tropenkrankheit

Afghanistan kämpft gegen das Einjahres-Geschwür

Von Joachim Hoelzgen

Der Feind ist klein und verursacht entstellende Narben. Die deutschen Soldaten in Afghanistan haben gegen eine Parasitenkrankheit zu kämpfen, die fiese Geschwüre hervorruft. Mit Millionenaufwand wappnet sich die Truppe. Afghanische Kinder sind dagegen völlig schutzlos.

Hamburg - Die kleine Sahima blickt tapfer in die Kamera, obwohl sich auf ihrer rechten Wange ein gefährliches Geschwür ausbreitet. Die Zehnjährige leidet an Leishmaniose, einer schweren Hauterkrankung, die von Sandmücken übertragen wird - und die sich gegenwärtig in der afghanischen Hauptstadt Kabul explosionsartig ausbreitet.

Leishmaniose sei "außer Kontrolle, und zwar völlig außer Kontrolle", sagt der Mediziner Reto Steiner vom German Medical Service in Kabul, der sich um Sahima bemüht - und um andere Kinder, die in dem Leishmaniose-Hospital behandelt werden.

Die Kinder sind aus einer ruppigen Welt hierher gekommen, manche von ihnen wirken wie ausgedünnte und schemenhafte Gestalten. Sahima hat noch Glück im Unglück, weil sich nun Ärzte um sie kümmern. Wenn dem nicht so wäre, würde sie wegen des Geschwürs stigmatisiert und in der Schule gehänselt - und mit Leishmaniose-Narben hätte sie kaum eine Chance, später einen Ehemann zu finden.

Die Sandmücken übertragen einzellige Parasiten, die sie bei der Wüstenrennmaus, Gerbil genannt, aufgelesen haben. Und weil wegen der Rückkehr vieler Flüchtlinge Kabul förmlich aus den Nähten platzt, steigt auch die Anzahl der Erkrankungen rasant - in ganz Afghanistan sind es wahrscheinlich Hunderttausende.

Auch die Nato-Truppen bleiben nicht verschont

In Kabul sind vor allem jene Menschen betroffen, die in den engen Wohnquartieren hausen müssen. Staub, der eine ideale Tarnung für die Mücken abgibt, ist hier allgegenwärtig. Er dringt aber auch schon in das pompöse neue Handelszentrum ein, in dem vor kurzem eine Shopping Mall mit der ersten Rolltreppe Afghanistans eröffnet wurde.

Leishmaniose kann jeden treffen, der von Sandmücken gestochen und mit den Erregern infiziert wurde. Manchmal wuchern die Geschwüre auf einer Hautfläche von der Größe einer Münze, und unbehandelt gehen sie erst nach Monaten zurück. "Saldana" nennt man sie deshalb in Kabul, was auf deutsch "Einjahres-Geschwür" heißt.

Auch die Nato-Truppen in Afghanistan werden von Leishmaniose nicht verschont, Soldaten der Bundeswehr sind bereits an den Geschwüren erkrankt.

Langärmelige Hemden, imprägnierte Uniformen

In Masar i-Sharif, wo sich mit dem "Camp Marmal" der Hauptstützpunkt der Deutschen befindet, hat man inzwischen eine regelrechte Festungsanlage gegen die Gefahr durch Sandmücken errichtet. Beim Neuaufbau des Camps, in dem zuvor holländische Soldaten waren, wurden Bäume und Sträucher beseitigt, der Mutterboden abgetragen und eine Schotterdecke aufgebracht, damit sich die Rennmäuse nicht eingraben können. Und auch die Mauer um das Camp wurde erhöht, so dass Sandmücken, die nur sehr niedrig fliegen können, nicht über sie hinweggelangen. Die Abwehrmaßnahmen gegen die Nager und Mücken verschlangen allein fünf Millionen Euro. Doch dafür gingen die Erkrankungen zurück - von 20 auf nur mehr einen Fall im vorigen Jahr.

Die Soldaten waren aber auch angehalten worden, nur noch langärmelige Hemden zu tragen und Insektenschutzmittel zu benutzen. Außerdem sind die Uniformen speziell gegen die Stechmücken imprägniert worden.

Im Vergleich zu alledem ist Kabul, wo die Kinder wie Sperlinge im Staub spielen, eine offene Stadt. "Nur mit besserer Hygiene" könne man bei der Leishmaniose-Bekämpfung mit Fortschritten rechnen, meint Reto Steiner. Doch mehr als eine Hoffnung ist das in Kabul und dem geschundenen Land am Hindukusch kaum.

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