Aus Cambridge berichtet Franziska Badenschier
Steht eine neue Ära bevor, in der Prothesen kein mäßiger Behelf mehr sind, sondern das Original übertreffen werden? "Die Leute meinen, ich hätte keine Beine, dabei habe ich zehn Paar", sagte kürzlich Aimee Mullins, mehrfache Paralympics-Siegerin und Top-Model. Der flinke Südafrikaner Oscar Pistorius will mit den Kunstbeinen eines Sport-Prothesenherstellers bei den nächsten Olympischen Spielen mitsprinten. Prompt fragte die "New York Times", ob Pistorius "disabled or too-abled" sei - "behindert oder überbefähigt": Mit seinen Zeiten könnte der 20-Jährige zwar ins südafrikanische Olympiateam, doch das lassen die Bestimmungen des Welt-Leichtathletikverbandes nicht zu.
"Porsche der Beine" für neue Sprintrekorde
Am "Porsche der Beine" bastelt auch Herr. So nennt er jene Prothese, die Homo sapiens schneller laufen lassen soll als seine natürlichen Gliedmaßen. Warum? Mit blinzelnden Augen verrät er: "um die Menschen zu schocken".
Für den Selbstversuch lässt sich der Konstrukteur bald Sensoren in beide Beinstummel implantieren. Muskeln und Maschine sollen eins werden. "Wenn ich dann in Gedanken meine Phantombeine bewege, werden sich die Prothesen bewegen", sagt Herr. Ein erster Test mit Elektroden, die in die Haut gestochen wurden, war erfolgreich: Da war auf einmal nicht mehr nur dieser Phantomschmerz, das vermeintliche Kribbeln in den längst entfernten Beinen, erzählt Herr, sondern auch eine "emotionale Beziehung" zu den künstlichen.
Das Hirn steuert den Körper, auch wenn dieser reinste Technik ist: So klingen Herrs Pläne, so zeigte das Magazin "Wired" einen Mitarbeiter aus Herrs Laboratorium als Fotomontage aus Forscher und Maschinenmensch. "Robo sapiens Revolution" lautete die Zeile über der Titelseite, die als Farbkopie das Büro des Biomechatronikers schmückt. Dabei betont Herr, er wolle keine Übermenschen kreieren.
Früher hätte man seine Arbeit vielleicht als Science Fiction belächelt. Bald schon könnten sie ethische Fragen zur Definition von Körper und Persönlichkeit aufwerfen. Herr sieht das gelassen und glaubt, dass in diesem Jahrhundert alles möglich wird. Sogar diese Vision: "Menschen mit normalen Körpern werden die technische Aufrüstung regelrecht wollen." Wer ließe sich absichtlich ein gesundes Bein amputieren?
Das sei gar nicht nötig, sagt Herr, die Prothese könnte als drittes Bein am Becken angebaut werden - als Ergänzung der beiden natürlichen.
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