Von Sigrid Neudecker
Tatsächlich könnten die neuen Präparate als logische Weiterentwicklung der Pille gesehen werden. Als der amerikanische Arzt John Rock gemeinsam mit Gregory Pincus und Min-Cheuh Chang vor beinahe 50 Jahren die Antibabypille entwickelte, wusste er, dass ihm Gegenwind aus der katholischen Kirche entgegenblasen würde. Rock war selbst strenggläubig und besuchte jeden Tag die Heilige Messe. Durch den von ihm gewählten Rhythmus – 21 Tage Hormone, 7 Tage Pause – glaubte er, mit der Zustimmung der Kirche rechnen zu können: Die Pille würde bei Frauen mit unstetem Zyklus endlich für Regelmäßigkeit sorgen, argumentierte er, und ihnen somit die damals von Rom akzeptierte Kalendermethode ermöglichen. Ein krudes Gedankenkonstrukt, denn sie nahmen ja dann die Pille als Empfängnisschutz.
In Europa ist noch kein Medikament für den Langzyklus zugelassen. Die meisten Beipackzettel weisen aber auf die Möglichkeit hin, eine Blutung zu überspringen, also zwei Monatsdosen hintereinander zu nehmen. Weiter dürfen die Hersteller nicht gehen. Ob Frauen die Pille noch länger nehmen können oder sollen, liegt im Ermessen der behandelnden Ärzte.
Einig sind sich die Experten, dass der Langzyklus nichts für junge Mädchen ist. "Zu mir kam einmal ein 14-jähriges Mädchen, das ein bisschen Bauchweh während der Regel hatte", erzählt Gisela Gille, Vorsitzende der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau. "Der Frauenarzt ihrer Mutter sagte dann: Ach, das brauchst du überhaupt nicht. Und gab ihr die Pille im Langzyklus."
Kaum noch Einwände gibt es, bei bestimmten Krankheitsbildern wie Endometriose (einer Wucherung der Gebärmutterschleimhaut, die zu schmerzhaften Menstruationen führt), Myomen (gutartigen Tumoren), schwerem PMS, Blutarmut oder Migräne die Regel zu unterdrücken.
Sobald die Blutung aber nur ausgeschaltet wird, weil sie lästig ist, scheiden sich die Geister. "Niemand leugnet, dass da ein bisschen Mühsal drinsteckt", sagt Gisela Gille. "Jeder weiß aber auch, dass das sehr stark zum weiblichen Empfinden gehört." Bevor man Frauen von etwas befreien wolle, müsse man ihnen erst erklären, wovon: "Viele wissen überhaupt nicht, warum sie bluten. Sie kennen die Faszination des weiblichen Zyklus nicht. Dann kommen sich vor allem männliche Ärzte wie Lebensretter vor, wenn sie die Frauen von der Regel befreien."
"Ich vermute, dass sich die Evolution etwas dabei gedacht hat, dass einmal im Monat die Gebärmutterschleimhaut abblutet", sagt Martina Dören, Leiterin des Klinischen Forschungszentrums Frauengesundheit an der Berliner Charité. Wissenschaftliche Studien über den Langzyklus würden aus Kostengründen nur von den Herstellern selbst durchgeführt. "Meistens sieht man das auch an den Ergebnissen."
Die unabhängige Cochrane Collaboration verglich 2005 sechs dieser Studien und kam zu dem Schluss, dass die "durchgehende Pilleneinnahme eine vernünftige Vorgehensweise im Bereich oraler Verhütung zu sein scheint". Allerdings forderte sie weitere Studien über die möglichen langfristigen Nebenwirkungen. Die bestehende Unsicherheit könnte einer repräsentativen Forsa-Umfrage für ZEIT Wissen zufolge viele Frauen vom Langzyklus abhalten. 59 Prozent der Befragten waren zwar durchaus interessiert daran, ihre Periode mittels Pille zu verhindern. Die Frage, ob sie das auch tun würden, wenn die Langzeitnebenwirkungen nicht geklärt seien, bejahte allerdings nur noch ein Viertel der Befürworterinnen.
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