Von Sigrid Neudecker
Bislang nimmt man an, dass die Nebenwirkungen dieselben wie bei der herkömmlichen Pillenanwendung sind: erhöhtes Risiko für Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs und Schlaganfall, allerdings auch ein leicht geringeres Risiko für Gebärmutterschleimhaut- und Eierstockkrebs. Ob die eine Woche pro Monat, die sich die Frauen zusätzlich den Hormonen aussetzen, etwas ändert, ist die große Unbekannte.
"Interessant ist die Frage nach der Gesamtdosis an Sexualhormonen, der man sich aussetzt", sagt Martina Dören. "Ich gehe auch davon aus, dass die Unterschiede eher nicht gravierend sind. Aber man kann Langzeiteffekte nicht ausschließen." Eine Art Dauerstimulation durch die Pillenhormone könne nicht nur das Brustkrebsrisiko verändern, sondern auch den Wasserhaushalt, die Nebennierenfunktion und letztendlich jede Körperfunktion, die von diesen Hormonen beeinflusst werde. "Das können ganz subtile Änderungen sein", sagt Dören.
Auf jeden Fall bietet der Langzyklus einen besseren Schutz gegen Schwangerschaft. Die Präparate sind zwar so niedrig wie möglich dosiert, doch durch die tägliche Einnahme fällt eine vergessene Tablette nicht mehr so stark ins Gewicht. "Jede zweite Frau vergisst einmal die Pille", sagt Gisela Gille. "Wenn das kurz vor der hormonfreien Woche passiert oder wenn man danach vergisst, wieder anzufangen, ist die Frau nicht sicher geschützt."
Manche Experten spekulieren gar, ob der Langzyklus nicht sogar gesundheitliche Vorteile habe, und verweisen darauf, dass Frauen heute so häufig menstruierten wie nie zuvor in der Entwicklungsgeschichte. Die amerikanische Anthropologin Beverly Strassmann untersuchte 1986 den afrikanischen Stamm der Dogon und stellte fest, dass der "natürliche" Zustand einer Frau, abseits von Verhütungsmitteln und Zivilisationseinflüssen, entweder schwanger oder stillend sei, also nicht menstruierend. Trotzdem werden die meisten Dogon-Frauen mindestens 70 Jahre alt.
In die Diskussion, ob die Menstruation verzichtbar ist, fließen immer wieder längst überholte Legenden mit ein. Sie diene Frauen zur Blutauffrischung, wenn nicht gar zur Entgiftung, würde entartete Zellen regelmäßig aus dem Körper spülen und sei eine Art Selbstreinigungsvorgang der Gebärmutter. Für Katrin Schaudig, die das Thema Langzyklus für den Hersteller Jenapharm recherchiert hat, ist das "Quatsch. Blut erneuert sich doch ohnehin alle drei Monate."
Eindeutig ins Reich der Mythen gehört diese These auch für Joachim Marr, bei Bayer Schering für die weibliche Fertilitätskontrolle zuständig. "Ähnlich wie jener Mythos, dass man nach einigen Jahren eine Pillenpause machen soll. Oder dass es nach Absetzen der Pille länger dauert, bis man schwanger wird. Dies ist zum Teil schon ganz konkret widerlegt worden."
Allerdings dürfe man beim Langzyklus keine Wunder erwarten. "Er funktioniert nicht automatisch", sagt Marr. "Es gibt trotz einer externen Hormongabe immer noch einen zugrunde liegenden individuellen Hormonzyklus, der das Blutungsverhalten mitbestimmt. Deswegen wird nicht jede Frau den Langzyklus nutzen können oder wollen." Eine durchgehende Pilleneinnahme kann zwar die monatlichen Blutungen verhindern, dafür kann es jederzeit zu leichteren Schmier- oder stärkeren Durchbruchsblutungen kommen. Was man zuvor auf den Tag genau erwarten konnte, wird unberechenbar.
"Wir haben in einer unserer Studien mit der Pille Yasmin gesehen, dass 18 Wochen ein Zeitraum ist, der für die Blutungsfreiheit ganz gut funktioniert und bei dem die Frauen zufrieden waren und tatsächlich auch weniger Zwischenblutungen hatten", sagt Ilka Schellschmidt, bei Bayer Schering in der klinischen Entwicklung tätig. "Darüber hinaus sind zumindest bei einigen Frauen vermehrt Zwischenblutungen aufgetreten, man kann also nicht bis Ultimo verlängern. Und es funktioniert nicht bei jeder Frau ganz simpel und klar."
"Es kommt auf die Patientin an", weiß Katrin Schaudig aus ihrer Praxis. "Wenn sie die Pille fünf Monate im Langzyklus genommen hat, keine Blutungen hatte und die Schleimhaut ganz dünn ist, sage ich: Nehmen Sie sie durchgehend. Zu einer Pause rate ich nur, wenn sie immer wieder Schmierblutungen hat, also halb aufgebautes Endometrium vorhanden ist. Dem sollte man die Möglichkeit zum Abbluten geben. Ob das sein muss, dazu haben wir keine Daten."
Mehr Geld für die Erforschung möglicher Langzeiteffekte wünscht sich auch Gisela Gille, "aber bitte auch mehr Geld für die Aufklärung von Mädchen und Frauen. Wenn die Forschung garantieren kann, dass es keine Langzeitnebenwirkungen gibt, bin ich absolut der Meinung, dass das eine weitere mögliche befreiende Facette ist, um den Frauen in bestimmten Lebensphasen einen selbstbestimmteren Umgang mit ihrem Lebensstil zu ermöglichen. Aber das Argument darf nicht heißen: 'Was wollen Sie denn mit Ihrer Regel? Die brauchen wir doch alle nicht mehr.'"
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