Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit Stress umzugehen. Soziale Unterstützung zum Beispiel ist ziemlich wirksam - glaubte man zumindest bislang. Ein Gespräch unter Freunden oder gar mit einem therapeutisch geschulten Gesprächspartner kann dafür sorgen, dass stressauslösende Situationen nicht mehr so sehr aufs Gemüt schlagen. Mehr noch: Ausreichende soziale Unterstützung schützt vor Herzkrankheiten, Depressionen und stärkt das Immunsystem. Sie ist also rundum wünschenswert - außer, zeigen Studien, eine gestresste Gattin wird von ihrem treusorgenden Ehemann im Gespräch unterstützt. Das kann den Stress im schlimmsten Fall sogar vergrößern.
Zwar sagen die Frauen, die im Vorfeld einer Stresssituation von ihrem Mann beruhigende Worte hören, das Gespräch habe ihnen geholfen - der Hormonspiegel im Speichel jedoch sagte etwas anderes: In einer älteren Studie zeigte sich sogar, dass ein stützend gemeintes Gespräch mit dem eigenen Freund eher für mehr Stresshormone im Organismus junger Frauen sorgte.
Bei Männern ist das anders: Wenn sie über eine schwierige Situation vorher mit ihrer Frau oder Freundin reden, dann reduziert dies nachweisbar ihren eigenen Stress - psychologisch wie physiologisch.
Beate Ditzen und Markus Heinrichs von der Universität Zürich verglichen unterschiedliche Arten sozialer Unterstützung durch den Partner miteinander. Dazu teilten sie die insgesamt 67 Teilnehmerinnen, die zum Zeitpunkt des Versuchs alle seit mindestens einem Jahr mit ihrem Partner zusammengelebt hatten, in drei Gruppen ein. 25 Frauen durften keinerlei Kontakt zu ihrem Partner haben. 22 Paaren war ausschließlich verbale Unterstützung erlaubt, und 20 Frauen ließen sich Schulter und Nacken vom Partner massieren, durften jedoch nicht mit ihm reden.
Die Unfähigkeit des Mannes zum beruhigenden Gespräch?
Um die Frauen in einen Stresszustand zu versetzen, wurde eine alte Standardmethode angewandt: Sie mussten sich darauf vorbereiten, ein paar Minuten später vor einer Kommission aufzutreten und eine Art simuliertes Vorstellungsgespräch zu führen. Im Anschluss daran musste noch eine Kopfrechenaufgabe bewältigt werden. Mit dieser Aussicht lassen sich die meisten Menschen in Unruhe versetzen. Während des Auftritts vor der stets völlig reglos dasitzenden Einstellungskommission gehen bei den allermeisten Puls und Stresshormon-Level im Blut nach oben - auch wenn alles nur ein Spiel ist.
Die Männer waren instruiert worden, ihre Frauen oder Freundinnen so zu unterstützen, wie sie es für richtig hielten - konkrete Anweisungen, wie man so ein stressreduzierendes Gespräch führen sollte, gab es nicht. Und da bestätigte sich ein altes Klischee: Männer kriegen es nicht so richtig hin, ihre gestressten Frauen effektiv zu unterstützen.
Einfach mal die Klappe halten
Im Gegensatz dazu zeigte sich deutlich, dass die untersuchten Frauen von der Berührung durch den Partner profitierten, schreiben Ditzen und Heinrich im Fachblatt "Psychoneuroendocrinology" (Bd. 32, S. 565): Das Stresshormon Cortisol war im Speichel weniger stark konzentriert, die Herzfrequenz stieg in der Stresssituation vor der Kommission nicht so stark an - bei den Probandinnen, die vorher massiert worden waren. Die verbale Unterstützung allein habe hingegen nicht geholfen - zumindest physiologisch betrachtet. "Psychologisch gab es keinen Unterschied zwischen den Gruppen", erklärte Beate Ditzen auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Die Hormone sagten also etwas anderes als die Frauen selbst - diesen Widerspruch werden künftige Studien auflösen müssen.
Woran es liegt, dass die Massage für weniger Stresshormon im Blut sorgte als das unterstützende Gespräch, bleibt zunächst unklar: "Vielleicht haben die Frauen ein Defizit dabei, Unterstützung anzunehmen", spekuliert Ditzen. Es könne beispielsweise sein, "dass Frauen sich durch soziale Unterstützung stärker bewertet fühlen". Die Frage, ob das Ergebnis letztlich auf die Qualität der Unterstützung durch die Männer oder auf die Reaktion der Frauen zurückzuführen sei, lasse sich aber anhand der vorliegenden Studie nicht abschließend beantworten.
Für Männer, die mit ihrer gestressten Gattin manchmal Probleme haben, lässt sich aber auch aus den bisherigen Ergebnissen ein schlichter Ratschlag ableiten: Vor belastenden Ereignissen vielleicht einfach mal die Klappe halten - und ein bisschen zärtlich sein.
Mitarbeit: Holger Dambeck
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH